Krankheit
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Samstag, 11. Juli 2026

Die KI mein Hund

Ein Fuchs läuft zwischen parkenden Autos über den Gehweg einer Berliner Wohnstraße. Im Hintergrund säumen Bäume und Hecken die Straße.
 

Die guten Momente zwischen den schmerzvollen. Man lebt, geht schreiben, fährt nach Hause zum Schreiben. Man isst und scheißt, trinkt und lacht. Man duscht und schläft. Dann erfährt man von Freunden, die schöne Dinge machen, an denen du nicht teilnimmst. An denen du hättest teilnehmen können, hätten sie dich gefragt. Haben sie aber nicht. Ist das tragisch? Nein, natürlich nicht. Es gibt kein Verpassen. Das Leben geht weiter. Es gibt wichtigere Dinge: das Schreiben. Allein. Weil deine Freunde dich vergessen.

Montag, 6. Juli 2026

stecknadelgroß

Die weiße Kopfskulptur Echo von Jaume Plensa vor dem MKM Museum Küppersmühle in Duisburg.

weil wieder so viel zeit vergangen ist schreibe ich heute alles hintereinander in einer nachricht so wie es mir einfällt ohne punkt und komma nur weil ich das gefühl habe gar nicht mehr zu bloggen obwohl ich immer wieder an euch denke vor knapp zwei wochen am sonntag dem tag von der fete de la musique fand am abend ein anderes konzert im huxleys statt weshalb ich mir die fete sparen musste das konzert war unfassbar ich habe seit letztem jahr schon so manche gute acts gesehen wie nick cave und radiohead und the divine comedy aber das hat gefühlt nochmal alles getoppt aldous harding meine absolute lieblingskünstlerin seit jahren

Sonntag, 21. Juni 2026

Blindboy - Nerdboy

 

Blick von den Zuschauerreihen auf die blau erleuchtete Bühne des Babylon-Theaters vor Beginn einer Veranstaltung. Auf der Bühne stehen zwei leere, petrolfarbene Sessel mit einem kleinen Tisch und zwei Wasserflaschen dazwischen. Vor den Sesseln sind zwei weiße Tischventilatoren platziert. Links und rechts auf der Bühne stehen schwarze Monitorboxen. Im Vordergrund sind die Hinterköpfe einiger Zuschauer im halbdunklen Saal zu sehen.

Ich hatte mich so darauf gefreut. Seit Monaten habe ich darauf hingefiebert, Blindboy live zu sehen. Der irische Podcaster aus Limerick hatte seinen Auftritt am Freitagabend in Berlin. L., eine gute Freundin von mir, lud mich ein, sie und ihren Partner zu begleiten. Zuerst aßen wir bei SOY zu Abend. Vietnamesisch geht bei meinem Magen noch am ehesten. Danach kam noch ein Freund von L. Zu viert gingen wir nebenan zum Babylon, wo wir bei Temperaturen um die 30 Grad mit hunderten anderer Menschen in einem nicht klimatisierten Raum saßen.

Freitag, 29. Mai 2026

Onkologin des Todes

Frühlingsblumen in einem trockenen Beet: Tulpen, Stiefmütterchen und gelb blühende Pflanzen zwischen staubiger Erde. Einige Blüten stehen noch aufrecht, andere sind bereits verwelkt oder liegen am Boden.

Heute war ein trauriger Tag. Nicht tragisch, aber doch traurig.

Als ich vor 528 Tagen in die Rettungsstelle vom Vivantes Klinikum im Friedrichshain ging, hatte ich keine Ahnung, was mit mir los sein könnte. Mein Hirn war schon so zerquetscht von dem Tumor, der dort wütete, aber vor allem, von dem Ödem, das auf meine Nerven drückte, dass ich nicht mal auf die Idee kam, so etwas Schlimmes könne mich heimsuchen.

Donnerstag, 21. Mai 2026

Sisyphos im Urlaub

Ein maroder, mehrstöckiger Plattenbau mit grauer Fassade und verwitterten Fensterreihen. Im Vordergrund steht ein verrosteter Metallzaun mit Stacheldraht, hinter dem dichtes, wildes Gebüsch wächst.

 

Neulich war ich in Mitte mit einem Freund, der aus dem Urlaub zurückgekommen war. Er erzählte mir von Inseln und Tauchen im Meer. Von Seepferdchen und Schildkröten. Von leckerem Essen und netten Menschen. Es waren schöne Geschichten. Ich habe mich sehr gefreut für ihn.

Auf dem Weg nach Hause wurde mir bewusst, dass ich so etwas nie wieder haben werde: Urlaub. Vielleicht denkt ihr ja: Jetzt übertreib mal nicht! Aber an meiner Situation als Sozialfall wird sich nie wieder etwas ändern. Es ist so, wie es ist und wird bis zu meinem Tod so bleiben.

Dienstag, 3. März 2026

Sauna-Shinkansen

Gerahmter Linolschnitt von „Alma Sinai (aka Alma Matter)“: stilisierte Darstellung eines isländischen Gletschers in tiefem Schwarz auf rosafarbenem Grund, ruhiges Wasser im Vordergrund, grafisch strukturierter Himmel darüber, heller Holzrahmen an einer schlichten Wand.
Linolschnitt von Alma Sinai: almamatter.net

Die Schiebetür geht auf. Ein dicker Mann ohne Gesicht starrt auf einen Monitor, blickt nicht auf. Drumherum Apparate, ein weiterer Schreibtisch mit Rechner, kein Fenster. Eine Frau Anfang 30, krauses Haar im Dutt, mit Zehneinhalb-Stunden-Lächeln auf den Lippen, drängt mich in die Kabine. Ihr Hinterkopf sagt: "Blech aus dem Ohr! Falls Sie noch andere Piercings im Gesicht haben – auch raus! Schuhe anlassen!" 

Freitag, 20. Februar 2026

Kontrastmittel und roter Teppich

 

Außenaufnahme des Berlinale Palasts am Potsdamer Platz in der Dämmerung: rote Absperrungen und Sicherheitsbarrieren führen zum Eingang, darüber das leuchtende Berlinale-Logo mit Bär vor der Glasfassade, Menschen gehen in Winterjacken ins Kino.

60 ml schossen am Dienstag mal wieder durch meine Venen – und ich pisste mich voll. Nicht wirklich, aber das Gefühl ist identisch. Echt unangenehm, wenn das Kontrastmittel einen durchläuft. Computertomografie. Eine fantastische Apparatur. Ohne diese Technologie hätte ich mehr Angst. Wobei meine Angst inzwischen wirklich reduziert ist. Es komme, was wolle. I’m ready.

Donnerstag, 12. Februar 2026

Der Skunk in mir

Blick in den Vorraum des Kino Babylon in Berlin: Eine hohe weiße Wand ist dicht mit Filmplakaten bedeckt, darunter „Metropolis“, „Hamlet“, „Titanic“ und „Brecht“. Unten im Bild eine schlichte Küchenzeile mit Espressomaschine und Spüle.

Seit Tagen empfinde ich Stress, weil ich zu vieles auf einmal machen muss. Ich habe verstanden, dass genau das mich aus der Spur bringt. Wie viel von dieser Unzufriedenheit einfach daher kommt, dass ich nichts in Ruhe tun kann, weiß ich gar nicht. Ich rede nicht von Arbeit. Ich rede von allem. Wenn ich mir beim Zähneputzen denke, ich müsste längst irgendwo sein, oder mir beim Schuhe­binden das Handy auf den Boden fällt. Zum Glück geht es nicht kaputt, aber mir schießt sofort eine Hitzewelle durch den Körper. Das liegt am Krebsmedikament.

Donnerstag, 5. Februar 2026

Virtuoses Staubgefüge

Leerer Konzertsaal im Konzerthaus Berlin nach dem Konzert: auf der Bühne dicht gereihte Notenpulte und rot gepolsterte Stühle, dazwischen Musiker:innen beim Abbau. Im Vordergrund Pauken und Schlagwerk, im Hintergrund Logen und goldverzierte Brüstungen des Saals.

Letzte Woche war ich bei meiner Onkologin des Todes. Zurzeit hospitiert eine neue Kollegin aus der Pneumologie. Sie war schon mal da. Zum Glück mag ich sie. Denn mein Gefühl sagt mir, dass ich in Zukunft mehr mit ihr zu tun haben werde. Vielleicht zieht sich meine bisherige zurück oder wechselt auch auf die Station? Dahin ist ja meine Lieblingsonkologin auch schon auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Donnerstag, 22. Januar 2026

Durchhalten ist scheiße!

Sonnenuntergang am Alexanderplatz in Berlin: Blick entlang der Straßenbahnschienen, die auf die tief stehende Sonne zulaufen. Menschen überqueren den Platz zu Fuß, einige mit Kinderwagen oder Taschen. Im Hintergrund stehen Bürogebäude, rechts ragt der Fernsehturm Berlin in den Himmel. Kaltes Winterlicht, lange Schatten auf dem Asphalt.

Vor 401 Tagen begann meine neue Reise. In diesem Moment, in der Klinik, wurde alles dunkel. Vor 76 Tagen begann ich, wieder Licht zu sehen. Es gab Leute, die mir sagten, ich solle den Ball flach halten. Ihnen sei es auch schon oft so ergangen: gute Phasen, Hoffnung, und ein paar Wochen später wieder dieselbe düstere Grundstimmung. Wie hätte ich ihnen erklären sollen, dass das bei mir kein temporärer Zustand ist.

Montag, 5. Januar 2026

Napoleon Varga

Satirische Illustration eines anthropomorphen Schweins im Business-Anzug, das Ähnlichkeit mit Donald Trump aufweist. Die Figur hat hellblondes Haar, eine markante Schweinenase, spitze Schweineohren und hält eine brennende Zigarre im Mundwinkel. Der Gesichtsausdruck ist grimmig und herrisch, der Hintergrund dunkel und schattig.
 

Heute schreibe ich über etwas, das nichts mit meiner Krankheit zu tun hat. Es hat höchstens mit meinem neu gewonnenen Stoizismus zu tun. Ich teile diesen Gedanken, der mich beschäftigt, ohne dass er mich aus dem Gleichgewicht zu bringen vermag.

Samstag, 3. Januar 2026

Scheiße begraben, nach vorne blasen

Blick in die große Haupthalle des Hamburger Bahnhofs mit hoher Stahlträger-Decke. In der Mitte stehen mehrere monumentale, organisch geformte Skulpturen aus grobem, erd- und fellartigem Material, die wie massive Baumstämme oder Höhlen wirken. In die Oberflächen sind reliefartige, körperähnliche Formen eingelassen. Besucherinnen und Besucher bewegen sich zwischen den Skulpturen und geben einen Eindruck von deren Größe.

Heute Morgen las ich meine WhatsApp-Nachrichten. Eine war von meinem Freund D. aus Australien. Er sagte, ich hätte ihm genau vor einem Jahr geschrieben, dass wir uns womöglich nicht mehr sehen würden, wenn ich es nicht noch einmal nach Melbourne schaffe. Die Nachricht damals habe ihn erschüttert. Er weinte und betrank sich maßlos an dem Abend.

Sonntag, 28. Dezember 2025

2025 – Du darfst enden.

Spiegelung einer Backsteinbrücke und von Gebäudefenstern im teilweise zugefrorenen Flusswasser der Spree; ruhige Winterstimmung, klares Licht.

So, die Weihnachtstage sind nun rum. Ich hatte einen gemütlichen Heiligabend mit meinen Freunden D. und D., die mich lecker bekocht haben: Lachs und Shrimps, selbstgeschnitzte Pommes und selbstgemachten Panettone zum Nachtisch. Das Brettspiel Cascadia, russische Schallplatten aus den Achtzigern und alkoholfreier Sekt rundeten den Abend ab.

Sonntag, 21. Dezember 2025

Jinx the Minx

Innenraum des Restaurants Weltwirtschaft im Haus der Kulturen der Welt in Berlin mit gedeckten Tischen, sitzenden Gästen, einer großen Statue sowie Lametta und einer hängenden Diskokugel.

Seit zwei Tagen trage ich nun diese Neuigkeit mit mir herum und weiß nicht genau, wie ich es sagen soll, ohne die Sache zu jinxen. Gleichzeitig glaube ich nicht an jinxen. Das wäre Aberglaube, und dafür bin ich zu fatalistisch. Alles kommt so, wie es kommt.

Donnerstag, 18. Dezember 2025

Radikaler Kopfstand - 18. Dezember ist Jahrestag

Ei-förmige Mosaikskulptur auf nächtlichem Gehweg, im Hintergrund unscharfe Stadtlichter und Straßenverkehr.

Heute, exakt vor einem Jahr, erhielt ich die Diagnose: Lungenkrebs im Endstadium. Seither bin ich ein Palliativfall. Hätte man nicht durch eine Molekularbiopsie festgestellt, dass mein Tumor eine genetische Mutation hat – ein sogenanntes ALK+ Adenokarzinom –, wäre ich jetzt vermutlich schon tot. Davon bin ich überzeugt, denn ich weiß noch genau, wie rapide sich mein gesundheitlicher Zustand verändert hat, als ich in Italien war.

Samstag, 13. Dezember 2025

Mental scars are invisible

Radiohead live in einer ausverkauften Arena: Blick von hinten aus dem Publikum auf die Bühne, violettes Licht, große Screens über der Band, viele erhobene Smartphones.

Seit meiner Rückkehr aus den Philippinen schreibe ich wieder. Jeden Tag, so viel ich kann. Ich sitze an der zweiten Fassung des Romans. Die Überarbeitung läuft gut, aber es ist unvorstellbar viel zu tun. Nicht nur stilistisch, sondern auch inhaltlich. Einen Roman in Teilzeit zu schreiben, führt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu nichts. Die Qualität eines umfangreichen Werks leidet, wenn man sich nicht ausschließlich damit beschäftigt.

Sonntag, 7. Dezember 2025

Crab Mentality



Zwei Einsiedlerkrabben in engem Körperkontakt auf sandigem Strand, unterschiedliche Schneckenhäuser.


Gestern erzählte ich einer „Kollegin“, dass es mir gut gehe, seitdem ich verinnerlicht habe, wie begrenzt meine Zeit ist – dass ich keine mehr verschwenden will mit Trübsal. Sie freute sich für mich, sagte aber im selben Atemzug, ich solle mich nicht zu früh freuen über diese Erkenntnis. Ihr sei es oft so gegangen, dass sie dachte, sie sei aus der grauen Wolke raus, nur um wenige Tage oder Wochen später wieder in ihr zu versinken.

Donnerstag, 4. Dezember 2025

A Shroud Has No Pockets

Vier Personen sitzen auf einer Holzbank vor einem Eisladen: zwei erwachsene Männer links und zwei Kinder in gelben Schuluniformen rechts, alle mit Eis in der Hand. Betonboden und Schaufenster im Hintergrund.

Damals lernte ich die wichtigsten Binsenweisheiten für mein Leben in Australien:

"Let's play it by ear!"

Ein wunderschönes Sprichwort aus der Musik. Lass uns nach Gehör spielen, sprich improvisieren. Damit drückt man aus, dass man spontan sieht, wie man was macht. Wenn man aus einer Kultur kommt, in der alles durchorchestriert ist und nichts dem Zufall überlassen wird, ist diese Sichtweise auf die Dinge extrem befreiend.

Montag, 1. Dezember 2025

Sonnenbrand im Winter

Seitliche Ansicht eines abgestellten Regionalflugzeugs der Philippine Airlines auf dem Rollfeld, mit großem Propeller im Vordergrund, Betonfläche und zwei orangenen Verkehrskegeln, dahinter Palmen und wolkiger Himmel bei tiefstehender Sonne.

Hautkrebs obendrauf.

Ich habe mir auf den Philippinen einen ziemlich krassen Sonnenbrand zugelegt. Zwar hatte ich mich eingecremt, aber anscheinend nicht gründlich genug.

Seit gestern bin ich wieder zurück und es juckt. Ich schmiere in einer Tour Lotion drauf, aber es juckt und juckt. Ich versuche nicht zu kratzen, doch der Reiz ist stärker als mein Wille. Scheiß Heilungsprozess. Heute wird es sich zu schälen beginnen.

Freitag, 28. November 2025

No Man's Sky

Foto eines tropischen Strandes bei Dämmerung: Der Himmel ist lila-rosa, während Palmen und ein kleines, beleuchtetes Strandgebäude mit großen Fenstern als Silhouette sichtbar sind.

No Man's Sky, so heißt ein Computerspiel, bei dem man sich eine Galaxie aus unzähligen auswählen darf, um dort zu bauen und was man noch alles so machen kann in solchen Games. Wie ihr merkt – ich bin kein Zocker. Ich weiß nicht mal, wie man die nennt, die Videospiele spielen. Mir hat man nur letztens davon erzählt, als ich eine sternenklare Nacht bestaunen durfte.
© Vic Mancini on Death Row
Maira Gall