Sonntag, 21. Juni 2026

Blindboy - Nerdboy

 

Blick von den Zuschauerreihen auf die blau erleuchtete Bühne des Babylon-Theaters vor Beginn einer Veranstaltung. Auf der Bühne stehen zwei leere, petrolfarbene Sessel mit einem kleinen Tisch und zwei Wasserflaschen dazwischen. Vor den Sesseln sind zwei weiße Tischventilatoren platziert. Links und rechts auf der Bühne stehen schwarze Monitorboxen. Im Vordergrund sind die Hinterköpfe einiger Zuschauer im halbdunklen Saal zu sehen.

Ich hatte mich so darauf gefreut. Seit Monaten habe ich darauf hingefiebert, Blindboy live zu sehen. Der irische Podcaster aus Limerick hatte seinen Auftritt am Freitagabend in Berlin. L., eine gute Freundin von mir, lud mich ein, sie und ihren Partner zu begleiten. Zuerst aßen wir bei SOY zu Abend. Vietnamesisch geht bei meinem Magen noch am ehesten. Danach kam noch ein Freund von L. Zu viert gingen wir nebenan zum Babylon, wo wir bei Temperaturen um die 30 Grad mit hunderten anderer Menschen in einem nicht klimatisierten Raum saßen.

Blindboy ist Musiker, Autor von Kurzgeschichten und Podcaster. Er spricht in seinem Podcast mit irischem Slang und in einer besonders einnehmenden Stimme. Er redet über dies und das, meistens Themen der Psychologie, Philosophie, Irland, irische Mythologie und Geschichte, über Literatur und Musik. Sein Markenzeichen ist die Plastiktüte auf seinem Kopf, die er trägt, weil er in der Öffentlichkeit nicht erkannt werden möchte. Es geht ihm dabei um seine mental health und den Schutz seiner Privatsphäre. Zudem hat er seine Autismus-Diagnose öffentlich gemacht.

Was sein Format ausmacht, sind seine hot takes, also Theorien, die er aufstellt und gelegentlich selbst widerlegt. Dass seine Theorien oft haarscharf an Verschwörungsmythen kratzen, ist bewusst gewählt. Blindboys Art ist lustig und intelligent zugleich.

Eines Tages erfuhr ich, dass er auch Live Podcasts macht. Er tourt durch die ganze Welt, lädt Gäste ein und unterhält sich mit ihnen, ohne vorher zu wissen, wer kommt. Zumindest habe ich das Format so verstanden.

Als er auf die Bühne kam, war ich sehr euphorisch. Ich habe viel gelacht, auch als er eine derbe Kurzgeschichte vorgetragen hat. Nach weniger als dreißig Minuten war dann die Luft aufgebraucht, mir fielen die Augen zu und ich verstand nichts mehr.

Schließlich betrat sein Gast die Bühne, ein weiterer Ire: Liam Cagney. Ein Musikologe und Autor, der in Berlin lebt und sich vor allem mit Techno beschäftigt. Er hat ein Buch namens „Berghain Nights: A Journey Through Techno and Berlin Club Culture“ geschrieben. Zudem ist er auch Autist. Nun saßen zwei autistische Musiknerds auf der Bühne, die sich gegenseitig übertrumpft haben in ihrem Gelaber über Männer im Musikgeschäft. Es war ein einziges Name-Dropping.

Ich fand's unerträglich. Ich war so enttäuscht. Ich liebe Musik und habe in dem Moment alle Musiknerds der Welt verflucht. Von über fünfhundert Podcast-Folgen war ich womöglich bei der beschissensten von allen.

Man könnte jetzt sagen: Der Gast war scheiße. Abhaken und nach vorne blicken. Aber was, wenn es nicht der Gast war, sondern Blindboy? Es ist doch immer dasselbe. Man freut sich auf jemanden, weil man ein Bild von der Person im Kopf hat. Und dann enttäuscht die Realität einen. Aber noch krasser wäre, wenn es an mir selbst läge. Vielleicht war es nicht der Gast und auch nicht Blindboy, sondern ich. Vielleicht war ich einfach nur zu blöd, um das gut zu finden. Einzig L. und ihre Freunde retten mich vor dieser fatalen Annahme. Sie fanden es auch scheiße.

FML!

Victor Mancini

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Maira Gall