Seit Tagen empfinde ich Stress, weil ich zu vieles auf einmal machen muss. Ich habe verstanden, dass genau das mich aus der Spur bringt. Wie viel von dieser Unzufriedenheit einfach daher kommt, dass ich nichts in Ruhe tun kann, weiß ich gar nicht. Ich rede nicht von Arbeit. Ich rede von allem. Wenn ich mir beim Zähneputzen denke, ich müsste längst irgendwo sein, oder mir beim Schuhebinden das Handy auf den Boden fällt. Zum Glück geht es nicht kaputt, aber mir schießt sofort eine Hitzewelle durch den Körper. Das liegt am Krebsmedikament.
Vor ein paar Monaten habe ich dieses Gefühl noch verflucht – das Gefühl, nicht das Medikament. Heute schätze ich es. Es ist mein persönliches Barometer. Sobald ich gestresst bin, bricht dieser Ultraschweiß aus. In einer Dimension, die ich früher nicht kannte. Wie die Drüsen eines Skunks, nur nicht ganz so stinkig. Dann weiß ich: Stopp. Einen Gang runter. Nichts ist wichtiger als Überleben. Mein Hauptjob ist es, Stress zu vermeiden.Es liegt in erster Linie an zu vielen sozialen Verpflichtungen. Ich treffe mich gern mit Menschen. Freund:innen, Bekannte, Schreibkolleg:innen – ich sehe sie alle gern. Aber wenn es zu viele Termine werden, geht es nach hinten los. Selbst jetzt, während ich darüber schreibe, schießt der Skunk in mir wieder los.
Vom Stress abgesehen, gab es seit meinem letzten Eintrag auch spannende Momente.
Am Montag hatte ich Traumatherapie. Es bretzelt ganz schön, aber es bewegt etwas. Ich merke, dass sich etwas verändert. Durch das Hin- und Herschießen der Augen verschiebt sich da oben was. Ob ich irgendwann ohne Panik sein werde, wenn es wieder losgeht mit dem Tumor, steht natürlich in den Sternen.
Am selben Abend war ich im Filmtheater am Friedrichshain. Das Kino mag ich, auch wenn das International immer noch mein Fave ist. Ich habe einen der besten Filme der letzten Jahre gesehen: NO OTHER CHOICE von Park Chan-wook. Warum habe ich dieses Gefühl immer dann, wenn ich einen Film nicht amerikanischen Ursprungs sehe? Weil mir mein Leben lang wieder und wieder dasselbe US-Narrativ eingebläut wurde? Und es deshalb schlicht erfrischend ist, etwas Nichtamerikanisches zu sehen? Ich nehme an, das ist es.
In einem solchen Film, in diesem koreanischen Meisterwerk, fehlt diese amerikanische Selbstverständlichkeit, sich geiler zu finden als der Rest der Welt. Das Drehbuch ist brillant, voller skurriler Twists, der Kameramann ein Genie. Die Schauspieler:innen sind ganz großes Curling, die Filmmusik perfekt auf die Szenen abgestimmt.
In einer Szene dreht der Hauptdarsteller die Stereoanlage voll auf, damit man den Schuss seiner Waffe nicht hört. Es wird laut, auch im Kino. Und es bleibt die ganze Szene über so laut. Die Musik plärrt im Vordergrund, während drei Figuren sich anschreien und in einen Kampf geraten. Man sieht, wie die Darsteller:innen – die armen Schweine – sich die Seele aus dem Leib schreien, um überhaupt gehört zu werden.
Kino ist etwas Großartiges. Heute beginnt die Berlinale. Sie bedeutet leider auch Stress. Here we go – the skunk is back.
Euer
Victor Mancini

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