Donnerstag, 5. Februar 2026

Virtuoses Staubgefüge

Leerer Konzertsaal im Konzerthaus Berlin nach dem Konzert: auf der Bühne dicht gereihte Notenpulte und rot gepolsterte Stühle, dazwischen Musiker:innen beim Abbau. Im Vordergrund Pauken und Schlagwerk, im Hintergrund Logen und goldverzierte Brüstungen des Saals.

Letzte Woche war ich bei meiner Onkologin des Todes. Zurzeit hospitiert eine neue Kollegin aus der Pneumologie. Sie war schon mal da. Zum Glück mag ich sie. Denn mein Gefühl sagt mir, dass ich in Zukunft mehr mit ihr zu tun haben werde. Vielleicht zieht sich meine bisherige zurück oder wechselt auch auf die Station? Dahin ist ja meine Lieblingsonkologin auch schon auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Gut. Man kann sich die Ärztinnen nur bedingt aussuchen, wenn man nicht die Klinik insgesamt wechseln möchte. Daher bin ich froh, dass jetzt schon wieder zwei gute Leute in der Ambulanz tätig sind.

Die Ergebnisse meines Bluttests waren wie immer: stabile Werte, alles top. MRT und CT gibt es in den nächsten Wochen wieder. Lecker! Wer mag es nicht, sich mit Kontrastmittel vollzupumpen.

Deswegen konzentrieren wir uns auf die Kunst. Ich schreibe seeeehr gut. Allerdings so viel, dass ich mich bremsen muss. So gern ich die Überarbeitung vorantreibe – es muss auch seine Grenzen haben. Sonst komme ich noch in die Klapse, weil mein Hirn an einem Schleudertrauma kollabiert. Also gilt, schreiben. Pause. Schreiben. Pause. Schreiben. Pause. Schnitzel essen gehen mit Freunden, wie gestern Abend :-)

Ich hatte letzte Woche auch wieder zwei interessante Erlebnisse. Zuerst war ich mit meiner Freundin S. im Konzerthaus. Ich sah und hörte wie schon vor Silvester ein klassisches Konzert vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Vladimir Jurowski dirigierte Resatsch, Suk und Prokofjew.

Das erste war wie beim letzten Mal ein ultramodernes Antikriegsstück von einem ukrainischen Exilkomponisten. Sehr viel lief über Geräusche. Die Instrumente wurden vielmehr als Geräuschproduktionsmittel eingesetzt, statt im klassischen Sinne, um Harmonien zu erzeugen. Es war faszinierend. Man hörte Züge und Fabriken, Industriegeklapper und Schlachtszenen. Sehr spannend, aber nicht wirklich entspannend und unterhaltsam. Aber das sollte es auch nicht sein.

In den anderen beiden Stücken passierte dynamisch viel. Beim Tschechen Josef Suk ging's um die Violine, die sich virtuos durch den Satz schlängelte und alle verzauberte. Mich nicht so ganz. Zwar bin ich ebenso beeindruckt über das Können von diesem Gastmusiker, Christian Tetzlaff, aber Virtuosität hat mich nie berührt. Schon immer hat sie mich eher abgestoßen als angezogen. Wieso? Kann ich nicht sagen. Womöglich weiß meine Psychologin mehr.

Bei Prokofjew hingegen berührte mich alles. Obwohl das mindestens genauso virtuos war, fiel kein Einzelner heraus, niemand tat sich hervor. Es war das Zusammenspiel aller, von den Streichern und Bläsern bis hin zu den Schlagwerkern mit ihren Triangeln und Timpani. Ein Riesentrara und am Ende war ich befriedigt. Musikalisch meine ich :-)

Am Freitag war ich dann mit meinem Freund P. in Potsdam. Das war leider nicht so gut, vor allem, weil mir die Kälte zusetzt. Ich kann einfach nicht lange draußen sein. Meine Lunge beschwert sich massiv, wenn ich zu viel kalte Luft einatme.

Wir waren bei einer Veranstaltung namens Sawdust Symphony. Das war eine noch dümmere Idee für meine Lunge als bereits die Kälte. Drei Männer werkelten 80 Minuten lang auf einer selbstgebastelten Bühne mit zig Löchern. Sie hämmerten und sägten, verschwanden, tauchten woanders wieder auf. Es war viel Klamauk und Akrobatik, weniger Musik. Insgesamt war es nicht so mein Fall. Aber viel problematischer war, dass die Luft voller Sägestaub war. Ich habe irgendwann keine Luft mehr bekommen, saß nur noch mit dem Schal vor dem Mund da, bis gar nichts mehr ging und ich draußen warten musste.

Shit happens. Zwei Tage später ging es mir wieder gut. Ob es Schaden angerichtet hat, weiß ich nicht. Man kann es nicht rückgängig machen. Aber es war eine dumme Aktion von mir. Ich muss akzeptieren, dass ich gewisse Dinge nicht mehr machen kann. Während andere sich sorglos ins Abenteuer stürzen können, muss ich mir genau überlegen, was es für mich bedeuten kann. Ein Spaziergang bei -5° kann mich ins Krankenhaus bringen.

Dagegen mag mein Karzinom Sauna. Je heißer desto besser. Somit gibt es jetzt Saunakur bis Ende der Wintersaison.

Dampf ab!

Victor Mancini 

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Maira Gall