Freitag, 29. Mai 2026

Onkologin des Todes

Frühlingsblumen in einem trockenen Beet: Tulpen, Stiefmütterchen und gelb blühende Pflanzen zwischen staubiger Erde. Einige Blüten stehen noch aufrecht, andere sind bereits verwelkt oder liegen am Boden.

Heute war ein trauriger Tag. Nicht tragisch, aber doch traurig.

Als ich vor 528 Tagen in die Rettungsstelle vom Vivantes Klinikum im Friedrichshain ging, hatte ich keine Ahnung, was mit mir los sein könnte. Mein Hirn war schon so zerquetscht von dem Tumor, der dort wütete, aber vor allem, von dem Ödem, das auf meine Nerven drückte, dass ich nicht mal auf die Idee kam, so etwas Schlimmes könne mich heimsuchen.

Drei Stunden später wusste ich vom Tumor im Hirn. Man behielt mich auf Station. Dort lernte ich einen italienischen Arzt kennen, einen Lungenkrebs-Experten, der mir am nächsten Tag die Hiobsbotschaft überbrachte, dass der Tumor im Kopf nur die Spitze des Eisbergs sei. Der Rest hatte sich in Form von Metastasen bereits überall ausgebreitet. Im Kopf hat man den Krebs eben nur zuerst entdeckt.

Zwei Wochen später war ich im Untersuchungsraum der Ambulanz, wo zwei Onkologinnen sich meiner annahmen, die ich meine Onkologinnen des Todes taufte, wie alle wissen, die meinen Blog von Anfang an verfolgt haben. Sie sagten mir unter sechs Augen, dass ich Glück im Unglück hätte, weil ich nicht sofort sterben müsse. Solange das Medikament wirkt, das ich von nun an täglich einnehmen muss, werde ich höchstwahrscheinlich so lange leben wie möglich.

Wenn ich zu meinem monatlichen Kontrolltermin erschien, kümmerte sich eine der beiden - Frau V. - um mich. Gelegentlich begegnete ich dem italienischen Arzt im Korridor. Frau V. schied nach etwa sechs Monaten aus, weil sie dauerhaft auf Station ging. Das machte mich traurig, denn sie hatte eine beruhigende Art, die mir gut tat. 

Von da an kümmerte sich Frau H., die zweite Ärztin vom ersten Termin, ausschließlich um mich. Auch wenn ich nie so warm mit ihr wurde wie mit Frau V., so war sie ihr doch fast ebenbürtig. Heute ist nun auch sie weggefallen, weil sie aus der Ambulanz ausscheidet und somit keine ambulante Patientenbetreuung mehr macht. Dies ist die traurige Nachricht.

Nun bin ich beim Italiener gelandet.

Wie gesagt, tragisch ist es nicht. Tragisch ist in meinem Leben nichts mehr. Außer der vorzeitige Tod. Und der auch nur für euch :-)

Ansonsten geht's mir gut. Weiterhin fleißig ohne Ende. Ohne Ende ist auch die Arbeit an dem Buch. Ich bin müde.

Euer
Victor Mancini

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© Vic Mancini on Death Row
Maira Gall