Freitag, 28. November 2025

No Man's Sky

Foto eines tropischen Strandes bei Dämmerung: Der Himmel ist lila-rosa, während Palmen und ein kleines, beleuchtetes Strandgebäude mit großen Fenstern als Silhouette sichtbar sind.


No Man's Sky, so heißt ein Computerspiel, bei dem man sich eine Galaxie aus unzähligen auswählen darf, um dort zu bauen und was man noch alles so machen kann in solchen Games. Wie ihr merkt – ich bin kein Zocker. Ich weiß nicht mal, wie man die nennt, die Videospiele spielen. Mir hat man nur letztens davon erzählt, als ich eine sternenklare Nacht bestaunen durfte.

Früher hätte ich vielleicht diskutiert, nach wenigen Minuten hitziger Diskussion aufgegeben und wäre gegangen. Fort von ihm. Danach höchstens noch ein Erkennungsnicken beim Frühstück, das ich mit größtmöglichem Abstand eingenommen hätte. Oder ich hätte gar nichts gesagt, wäre ihm einfach aus dem Weg gegangen, maximal ein Hallo. Aber früher war ich anders. Früher hatte ich keine Zeit für solche Menschen.

Heute habe ich noch weniger Zeit. Aber heute möchte ich lieber verstehen, bevor ich vorschnell verurteile. Er ist ein merkwürdiger Typ. Das steht außer Frage. Aber ich wollte nicht sofort wieder das Handtuch werfen, vor allem, wenn es außer ihm niemand anderen hier gibt und es schwer ist, sich aus dem Weg zu gehen.

Die Rede ist von J., dem US-Amerikaner hier. Er steht für alles, was ich eigentlich verabscheue: Trumps USA – rechtskonservativ (denkt aber, er sei zentristisch), darwinistisch kapitalistisch, immigrantenfeindliches Denken. Er wirkt ignorant, wenn er in typischer US-Manier alles in einen Topf wirft oder glaubt, er könne Japanisch so nebenbei lernen. Er ist überheblich, gottgläubig (theistischer Evolutionist). Er sprach immer von "How, not When". Er ist überzeugt davon, dass absolute Assimilation notwendig ist, dass Immigranten dankbar sein müssen für die Chance, die man ihnen gibt, egal ob sie politisch verfolgt werden oder Wirtschaftsflüchtlinge sind.

Auch hat er kein Problem damit, dass die Leute hier im sogenannten globalen Süden ein Jahr arbeiten müssen für das, was er in zwei Monaten allein versäuft. Er misst mit zweierlei Maß, unterstützt die Politik Reagans, die psychisch Kranke ohne ärztliche Unterstützung ihren Familien überließ, indem die Mittel für Kliniken gestrichen wurden. Das ist ein Beispiel für seine Rants, wenn er stundenlang über Trump schwadroniert und behauptet, alle würden den Armen nur missverstehen und seine Worte falsch auslegen.

Genug. Ihr versteht, was für einen Typen ich hier beschreibe.

Und doch hat er ein großes Herz. Ist er so scheiße geworden, weil Amerika Menschen zu solchen Idioten macht? Oder haben seine Eltern ihn versaut? Von dem, was er erzählt hat, reicht es für die psychologische Betreuung und medikamentöse Versorgung von drei Menschen.

Im Herzen ist er gut. Er ist hilfsbereit, großzügig, auf seine Weise höflich und eigentlich nur auf der Suche nach Menschen, die ihn trotz seiner Verschrobenheit so nehmen, wie er ist. Er sieht nicht, dass er all das in den USA nicht mag und „entfernt“ haben möchte, was ihn selbst ausmacht.

Wir saßen hier gestern Abend auf dem Dach und beobachteten die sternenklarste Nacht, die ich seit Ewigkeiten erlebt habe, inklusive allem: Sternschnuppen, Wetterleuchten, Glühwürmchen – ich kann mich echt nicht mehr an die letzte erinnern. Kurzum: es war fantastisch.

Dabei erzählte er in einer Tour: zuerst von Trump und Amerika, dann von seiner Entscheidung, seine Wohnung aufzugeben und im Van zu schlafen. Vier Jahre lang ging er zur Arbeit, lebte in seinem Auto in San Diego. Mal Real Estate Agent, mal Barista, mal Landschaftsgärtner – er nahm alle Jobs an, die sich ihm boten. Er besitzt ein Grundstück in Nordkalifornien, wo er aber nicht leben möchte.

Er sprach von seiner Exfreundin, der Tochter einer ägyptischen Flüchtlingsfamilie: koptisches Priestergeschlecht. Sie waren gut, voll integriert, die Tochter vollends assimiliert. Zu ihm war sie letztlich nicht so gut, aber das ist eine andere Geschichte.

Als wir bei den Sternen waren, sprach er von einem Film der 90er Jahre: Baraka. Ich kann mich noch daran erinnern, als er rauskam, aber ob ich ihn je gesehen habe? Es ist eine Art National-Geographic-Film, ohne Worte, lange Kamerafahrten, über Flora und Fauna, Landschaften, Wälder, Ozeane, Städte, Länder, das All.

Danach erwähnte er das oben genannte Spiel, erklärte, wie es funktionierte, dass man theoretisch jahrelang spielen könne, ohne einem anderen Spieler zu begegnen. Nur wer will, kann andere Spieler treffen, denn es gibt einen virtuellen Treffpunkt, ein Forum zum Austausch von Informationen und Gütern. Er sagte: "When I saw female players were getting showered with an unbelievable amount of gifts from other players, I quickly realized it was because they were women. So, I changed my name to a woman's name and started getting tons of free tools and gear myself."

Instinktiv dachte ich: Betrüger. Opportunist. Bescheißt die Leute im Internet. Aber dann merkte ich, dass er ein armes Würstchen ist. Er sucht Anerkennung. Im Internet muss er sich nur eine andere Identität geben und schon wird er mit Liebe überhäuft. Falsche Liebe, trügerisch erkauft, aber immerhin. Besser als nichts.

Er will, dass psychisch Kranke nicht zu Lasten der Steuerzahler betreut werden, war selbst aber zig Jahre in Therapie. Er ist depressiv, Alkoholiker. Er macht sich den ganzen Tag was vor, dass er noch surfen würde, aber ich habe ihn noch nie mit Board gesehen, die ganze Woche nicht einmal. Meiner Meinung nach ist er auf der Talfahrt.

Man hasst bekanntlich immer das, was man an sich selbst nicht mag. Insgeheim hat er Angst davor, dass er eines Tages abhängig ist von einem System, das ihn nicht trägt. Er schimpft über die fettleibige Unterklasse, will im nächsten Atemzug keine Fotos oder Videos von unserer gestrigen Tour sehen, weil er sagt, er sei viel zu fett.

Die traurigste und mitreißendste Geschichte kam zum Schluss, als er mir zu einem Hund riet. Das sei der beste companion ever. Im Sternenlicht und nach etlichen Drinks erzählte er mir, dass er acht Monate lang jeden Abend geweint habe, als sein Hund – eine Promenadenmischung – nach fünfzehn Jahren gestorben war. Ich fragte ihn, warum er sich keinen neuen holte. Er: unreplaceable.

Ich sagte: Alle Leute sollten Mutts sein. Ich freue mich auf komplett vermischte Ethnien auf der ganzen Welt, um ihn zu challengen. Doch der Abend war nach dem Hund zu Ende. Mir fielen sowieso schon lange die Augen zu.

Jetzt geht’s auf zum Flughafen, zurück nach Manila. Morgen endlich wieder Berlin. Ich freue mich auf den Winter.

Euer Tropengeist
Victor Mancini

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© Vic Mancini on Death Row
Maira Gall