Die Schiebetür geht auf. Ein dicker Mann ohne Gesicht starrt auf einen Monitor, blickt nicht auf. Drumherum Apparate, ein weiterer Schreibtisch mit Rechner, kein Fenster. Eine Frau Anfang 30, krauses Haar im Dutt, mit Zehneinhalb-Stunden-Lächeln auf den Lippen, drängt mich in die Kabine. Ihr Hinterkopf sagt: "Blech aus dem Ohr! Falls Sie noch andere Piercings im Gesicht haben – auch raus! Schuhe anlassen!"
Ich folge ihr in den Nebenraum. Die Klimaanlage brummt ein freundliches Haaaaaaaaaaaaaalllllllllll. Das O bilde ich mir ein, grüße in Gedanken zurück. Ich lege mich auf die fahrbare Trage. Der Dicke steht schon neben mir, zieht den Gurt fest, staut das Blut, klopft meinen Arm ab. Schweiß perlt auf seiner Stirn. Ich frage den Dutt nach einer Decke. Ein Stich. "Autsch!" Es brennt. Drückt irgendwo im Dünndarm. Oder ist es der Dickdarm?
"Ich sagte Autsch. Es ist sehr unangenehm."
Die Frau fummelt an meinem Ohr rum. Ich blende sie aus, konzentriere mich darauf, mich nicht auf das Schwabbeln vor meinem Auge zu konzentrieren.
"Die Nadel sitzt gut. Das geht gleich vorbei."
Die Frau setzt mir einen Gehörschutz auf. Von meinen Worten verstehe ich nur noch: "... los?"
Es geht nicht vorbei. Zwanzig Minuten lang brennt es im Arm. In meinem Hirn hämmert es. Pfeifen. Schläge. Wieder Hammer. Technobeat. Lauter und lauter. Sonst – geht es mir durch den Kopf, während ich da liege – gibt man mir Ohropax. Darf ich selbst einsetzen. Also da, wo sie hingehören. Bevor der Gehörschutz drauf kommt.
Brennen im Arm. Druck im Darm. Presslufthammer im Hirn. Dann wird es heiß. Ein Sauna-Shinkansen fährt durch meine Venen. Ich kann ihn verfolgen, obwohl er verdammt schnell ist. Er ist wirklich die schnellste Bahn der Welt. Unterwegs saue ich mich ein. Peinlich. Später ist aber alles trocken. Nicht ganz. Meine Unterhose ist klamm. Von zwanzig Minuten Arschbackenzusammenkneifen.
Plötzlich Stille. Mein Bett fährt aus der Röhre. Krausehaar nimmt mir den Gehörschutz ab. Etwas plumpst in meinen Nacken. Sie reißt die Nadel aus meinem Arm. Ratsch. Die Klebestreifen samt Härchen vom Unterarm. Mitgehangen, mitgefangen, denke ich und setze mich auf. Ein Brummen in meinem Kopf. Wo mein Kopf lag: ein paar Ohropax.
"Ich habe Ihnen doch Stöpsel eingesetzt." Stirnrunzeln. Runtergezogene Mundwinkel. Schulterzucken.
Meinen Tunnel setze ich vor der Schiebetür wieder ein, trabe los. Die Jacke stülpe ich am Fahrradständer über. Zwölf Minuten später bin ich zuhause. Elfeinhalb Stunden später sind die Kopfschmerzen vergangen. 72 Stunden später ist der Bluterguss am Arm verblasst.
Ich bin dankbar.
Ich bekomme alle 3-4 Monate einen Termin für MRT und einen für CT. Man ruft mich sogar an.
Das Ergebnis vom CT war gut. Keine Veränderung. Der Fucker pennt weiter in der Lunge.
Vom MRT lag es natürlich noch nicht vor. Aber hätte meine Onkologin des Todes schlechte Nachrichten gehabt, hätte sie mich angerufen. Die ist jetzt erstmal in Kolumbien. Hoffentlich passiert ihr dort nichts. Ich mag sie nämlich.
Bis bald meine lieben Leser:innen.
Euch mag ich auch, selbst wenn ihr meinen Spitznamen für euch nicht kennt.
Nächstes Mal wieder mit geschmackvoller Literatur, berührender Musik und schlechtem Film.
Euer
Victor Mancini

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