60 ml schossen am Dienstag mal wieder durch meine Venen – und ich pisste mich voll. Nicht wirklich, aber das Gefühl ist identisch. Echt unangenehm, wenn das Kontrastmittel einen durchläuft. Computertomografie. Eine fantastische Apparatur. Ohne diese Technologie hätte ich mehr Angst. Wobei meine Angst inzwischen wirklich reduziert ist. Es komme, was wolle. I’m ready.
Nächste Woche noch das MRT von meinem Hirn. Dann habe ich wieder für drei Monate Ruhe. Wie sagte meine Onkologin neulich: Ihr Job besteht darin, zu überleben. Dazu gehören diese Kontrolltermine, die gewissenhafte Einnahme der Medikamente, gute Ernährung und das Vermeiden von Stress. Den Rest der Zeit tun Sie, was Ihnen guttut.
Das tue ich. Es ist Berlinale. Ich habe drei Filme gesehen.
Der erste war ein Wettbewerbsfilm aus Australien – WOLFRAM. Also ging ich in den Berlinale Palast, mit rotem Teppich und allem Pipapo. Ungemütliches Kinoerlebnis. Man bekommt einen Platz zugewiesen. Ich hatte einen im zweiten Rang. Die Leinwand hörte unter mir auf. Ich musste die ganze Zeit nach unten schauen. Als der Regisseur samt Besetzung ins Kino einlief, sah man nichts, weil der Blickwinkel es nicht zuließ. Auf der Leinwand wurden sie immerhin gezeigt. Samt australischer Botschafterin.
Dann fing der Film an, und ich war enttäuscht. Mal davon abgesehen, dass es wieder ein Film über Gewalt im Outback war. Ich verstehe, dass es wichtig ist, die Gewalt an den Aboriginal People zu thematisieren. Aber irgendwie wirken diese westernartigen Verfilmungen klischeehaft. Je grausamer, desto besser – so scheint mir hier die Philosophie. Die schauspielerische Leistung war ebenfalls dilettantisch. Vielleicht bin ich ungerecht. Aber wenn ich an den Low-Budget-Film vom letzten Jahr denke – „Fwends“ hieß er –, den fand ich echt geil. Und auch LIMBO fand ich gut. Aber Wolfram war einfach schlecht. Sorry, Australia!
Als ich dann am Mittwoch im zweiten Film war, wurde ich für mein Durchhalten belohnt. TRULY NAKED, ein britischer Film, handelt von einem Highschool-Jungen, der neu in der Stadt ist. Neben der Schule muss er die Pornos seines Vaters filmen, schneiden und den kompletten Internetauftritt verwalten. In der Schule soll jeder mit einer weiteren Person ein Referat über Suchtverhalten drehen. Er macht eins über Internetpornografie. Die Lehrerin weist ihm ein Mädchen zu, weil sie auch eine weibliche Sicht möchte. Er lernt das Mädchen kennen, das von einer feministischen Mutter erzogen wurde. Das ist der Rahmen. Das ist perfektes Kino. Keine Klischees, keine Moral.
Im Anschluss lief WHERE TO?, ein israelischer Film vom Kumpel meines ehemaligen Schülers Y. Ich bekam Tickets. Der Film handelt von Hassan, einem palästinensischen Uber-Fahrer in Berlin, der einen jungen israelischen Mann namens Amir durch Berlin fährt, von einem Schwulenclub zum nächsten. Im Auto knutscht Amir mit seinem deutschen Freund. Hassan und Amir entwickeln im Laufe des Films eine Art Freundschaft. Der Film ist genial, erinnert an Night on Earth, weil er quasi nur im Taxi stattfindet. Das Drehbuch wie auch die Schauspieler sind hervorragend. Ich hoffe, dass er eines Tages irgendwo zu sehen sein wird. Dasselbe gilt für Truly Naked. Seht sie euch an, wenn ihr irgendwie könnt.
Ich sitze gerade beim Schreibtreff an der Jannowitzbrücke und denke an euch da draußen, wo auch immer ihr seid.
Euer
Victor Mancini

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