Heute Morgen las ich meine WhatsApp-Nachrichten. Eine war von meinem Freund D. aus Australien. Er sagte, ich hätte ihm genau vor einem Jahr geschrieben, dass wir uns womöglich nicht mehr sehen würden, wenn ich es nicht noch einmal nach Melbourne schaffe. Die Nachricht damals habe ihn erschüttert. Er weinte und betrank sich maßlos an dem Abend.
Dass ich im Oktober tatsächlich dort war, wissen meine treuen Leser:innen. Für die, die neu zuschalten: Ich war noch vor wenigen Monaten, nach siebzehn Jahren Abwesenheit, wieder down under und habe eben diesen Freund besucht. Und seine Frau und Kinder kennengelernt, die in den Jahren meiner Abwesenheit in sein Leben getreten sind. Diese Familie war wie eine Kur für mich.
Seit drei Tagen sind wir im neuen Jahr. 2026.
Über Silvester war mein Freund C. aus Mainz zu Besuch. Es war schön, nicht allein das Jahr ausklingen zu lassen. Am Dienstag haben wir verschiedene Ausstellungen im Hamburger Bahnhof besucht. Sehr abgefahrenes Zeug, das man dort zu sehen bekommt. Im Titelbild sieht man die Haupthalle mit einer riesigen Installation der tschechischen Künstlerin Klára Hosnedlová. Konzeptuell sehr originell und spannend. Aber auch Kunst aus dem Kosovo, Nigeria, Kolumbien, Frankreich und Berlin war zu sehen. Nicht zuletzt ein paar Brocken von Joseph Beuys – was mir persönlich am wenigsten zusagte.
Am Abend waren wir dann im Konzerthaus, sahen ausgerechnet Beethovens 9. Sinfonie – ich, der niemals Deutsches mochte. Ich, der Klassik von sich weist, weil sie elitär ist. Vorgetragen wurde sie vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, mit Rundfunkchor, knapp hundert Mitwirkende. Das war bombastisch. Als sie schließlich Freude schöner Götterfunken sangen, bebte es durch alle Organe hindurch. Die Eingeweide bereit, als Kutteln serviert zu werden.
Als vorzügliches Entrée gab es die „Göttin der Geschichte“, ein achtzehnminütiges Stück von Sergej Newski, das nur aus verstörenden Geräuschen und unheimlichen Klängen besteht. Fantastisch.
Der russische Komponist lebt im Exil. Der Dirigent, Vasily Petrenko, ist ebenfalls Russe – beide gelten als scharfe Kritiker des Regimes. Während erstgenannter schon lange in Berlin lebt, hat der Dirigent 2022 all seine Ämter niedergelegt und das Land verlassen.
Dabei muss ich immer an meine russischen Freunde denken, ein Paar, mit dem ich Heiligabend verbracht habe. 2018 waren D. und ich zusammen in Russland. Damals zeigte er mir noch seine Heimat, problemlos. Es war kurz vor der WM. Da ging das noch, ohne Umwege. Heute kann er nicht mehr hin, jedenfalls nicht so, wie man früher „mal eben“ nach Hause geflogen ist. Seither muss er umständliche Routen buchen, über die Türkei oder Georgien, um seine Mutter wenigstens einmal alle zwei Jahre zu sehen. Wie traurig mich das macht. Verfickte Scheiße!
Zurück zum Ausklang des letzten Jahres. Wir aßen Forelle, Kartoffeln und Fenchel, tranken einen leckeren Sekt und stiefelten durch Berlin. Wer Krieg sucht, findet ihn in künstlicher Form an Silvester in den Straßen dieser Stadt. Zweimal wurden wir getroffen. Einmal von umgefallenen Flaschen, in denen Raketen auf uns zuschossen. Auf der Warschauer Straße hat man uns tatsächlich beschossen, mit einer Pistole, aus der Feuerwerkskörper auf uns zurasten. Einer traf mich, einer traf C. Bis auf Schmerzen an Finger und Ohren ist zum Glück nichts weiter passiert. Aber was ist los mit solchen Leuten? Was haben sie nur für unverarbeitete Scheiße in sich aufgestaut, dass sie so etwas machen? Verrückt.
Ich hoffe, euer Silvester war friedvoller. Ich wünsche euch allen, wie auch mir selbst, dass es 2026 weniger turbulent zugeht. Gesundheitlich wie sonst auch. Spaß, Glück, Zufriedenheit – damit kann ich leben. Stress, Hass und Schmerz – darauf kann ich verzichten.
Ich wünsche mir, dass viel neue Kunst geschaffen wird. Dass viel gelesen und musiziert, fotografiert, gemalt, gebastelt und installiert wird. Damit wir alle voller Enthusiasmus zu Ausstellungen rennen können. Ich werde es tun, solange ich die Kraft dazu habe.
Gute Filme wünsche ich uns. Auf dass wir großes Kino sehen werden. Zunächst auf der Berlinale in einem Monat, aber auch darüber hinaus, wann immer neue Filmkunst die Kinos erreicht. Ich freue mich zum Beispiel auf den neuen Film von Park Chan-wook, der demnächst erscheinen wird.
Ich möchte Konzerte sehen und hören. Ich habe bisher erst ein Ticket. Für ein Konzert im März: The Divine Comedy.
Ich möchte 2025 hinter mir lassen und nach vorne blicken, den Lungenkrebs ausblenden.
Ich WILL, dass mein Roman 2026 veröffentlicht wird.
Habt alle ein gutes Jahr!
Victor Mancini

Danke auch heute für deinen Text und möge 2026 ganz in deinem Sinne verlaufen. Ich wünsche es dir!
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