Vor 401 Tagen begann meine neue Reise. In diesem Moment, in der Klinik, wurde alles dunkel. Vor 76 Tagen begann ich, wieder Licht zu sehen. Es gab Leute, die mir sagten, ich solle den Ball flach halten. Ihnen sei es auch schon oft so ergangen: gute Phasen, Hoffnung, und ein paar Wochen später wieder dieselbe düstere Grundstimmung. Wie hätte ich ihnen erklären sollen, dass das bei mir kein temporärer Zustand ist.
Es ist schwer, das zu beschreiben, weil viele automatisch annehmen, ich wolle ihnen etwas weismachen. Als hätte ich plötzlich eine neue Lebensphilosophie entdeckt, die nun bitte alle übernehmen sollen. Das wäre preachy. Genau das denke ich nicht. Im Gegenteil: Ich bin mir sicher, dass ich ohne meine Krankheit niemals so denken könnte.
Man muss sich aufraffen, den Alltag bewältigen, zur Arbeit gehen, ob man will oder nicht. Kinder zur Schule bringen oder abholen, Rechnungen zahlen, Beziehungen am Laufen halten, sich individuelle und gemeinsame Freuden erarbeiten. Das ist ein Berg an Zeug. Eigentlich kann einen das nur überfordern. Deshalb würde ich mir niemals anmaßen, irgendwem Ratschläge zu erteilen.
Nur man selbst kann herausfinden, was für einen geht – und was nicht. Ich habe für mich erkannt, dass ich lieber die Sonnentage genieße, statt den trüben hinterherzutrauern. Früher hätte ich mich aufgeregt, wenn ich Dinge nicht machen konnte, weil höhere Gewalt im Spiel war. Heute ist es zum Beispiel zu kalt zum Laufen. Meine Lunge mag diese brutale Kälte unter null nicht. Also laufe ich nicht. So what? Wenn es eine Woche lang nicht geht, ziehe ich mich warm an, lege mir einen Schal über Mund und Nase und gehe spazieren. Nicht ideal, aber immerhin draußen, immerhin Bewegung. Und falls eines Tages auch das nicht mehr möglich sein sollte, weil ich im Bett bleiben muss, dann ist es eben so.
Die wichtigste Erkenntnis für mich ist vermutlich, dass ich nicht mehr arbeiten muss. Seit ich nicht mehr täglich um meine Existenz bangen muss, geht es mir besser. Nur wenige Jahre meines Lebens hatte ich feste Arbeitsverträge und bezahlte Sozialleistungen. Rund achtzig Prozent habe ich als Freiberufler oder Selbständiger verbracht. Dieses prekäre Leben hat mir unbewusst zugesetzt. Ich mochte das Unterrichten, aber die Angst ignoriert man nur so lange, bis sie sich einen anderen Weg sucht.
Die Arbeit als angestellter Lehrer war noch schlechter für meine Gesundheit. Nie hatte ich mehr Stress als in dieser Zeit, an High Schools und später in Berlin. An der Rütli-Schule unterrichtete ich 13 Stunden – eine halbe Stelle –, bekam dafür 826 Euro im Monat. Davon habe ich gelebt. 2008 war Berlin noch billig. Trotzdem wurden die Depressionen jeden Tag stärker. Dorthin zu gehen war reine Überwindung. Die Hälfte des Kollegiums war krankgeschrieben, viele tranken.
In Wangaratta – dem üblen Australien – verdiente ich mehr Geld, gab es aber für Drogen und Partys aus, um die Woche zu überstehen. Auch das war nichts für mich. Ich hätte nicht zweieinhalb Jahre durchhalten sollen. Diese Zeit lastet bis heute auf mir.
Vielleicht ist das der einzige Rat, den ich aus heutiger Perspektive geben würde: Haltet niemals durch, wenn es sich falsch anfühlt. Lernt aufzugeben. Durchhalten ist scheiße. Brecht ab, was euch schadet – den Abend mit vermeintlichen Freunden, die euch kleinmachen; die Arbeit, zu der ihr euch nur aus Angst oder Bequemlichkeit schleppt; den Chor, in dem zwei oder drei Leute euch das Leben vergällen. Wenn ihr etwas wirklich liebt und bleiben wollt, werdet ihr einen Weg finden. Wenn nicht: get the fuck out.
Genießt den sonnigen Tag. It’s crispy cold – but hey, what a blue sky.
Euer
Victor Mancini

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