Montag, 3. August 2026

Tiriamo avanti

Ein Selfie aus dem Krankenhauszimmer, aufgenommen aus einem hohen Winkel. Im Vordergrund lächelt der Autor, ein Mann mit Bart und Strohhut, leicht in die Kamera. Hinter ihm liegt sein älterer, kahlköpfiger Vater in einem gestreiften Kissen, trägt ein Krankenhaushemd und eine Nasenbrille zur Sauerstoffversorgung. Im Hintergrund sind medizinische Geräte und Anschlüsse an der Wand zu sehen.

Mein Dad ist gestern gestorben. Am Nachmittag hatte ich ihn noch gesehen und mich von ihm verabschiedet – mehr in Gedanken als in versöhnlicher Aussprache. Ist auch schwer, wenn die anderen Familienmitglieder dabei sitzen. Ob er was davon mitbekommen hat, kann ich nicht sagen. Man bildet sich ja gern was dazu ein. Immerhin war da der Morphium-Schleier. Und, vor allem anderen, der Tumor in seinem Kopf, der sein Hirngewebe zerstörte. Durch Osmose hatte sich um ihn herum ein gewaltiges Ödem gebildet. Osmose. Schon in der Schule war sie mir ein Graus.

Ich stelle mir den Tumor wie einen Vulkan vor. Pausenlos tritt statt Lava Wasser aus. Und weil die starre Schädeldecke keinen Platz lässt, drückt das Wasser unnachgiebig alles weg, was von seinem Gehirn noch übrig war.

Auch wenn er immer gesagt hatte, er habe keine Schmerzen, kann ich mir das nicht so richtig vorstellen. Denn als der Tumor damals in meinem Kopf wütete, auf meinen Sehnerv drückte und meine Wahrnehmung immer weiter veränderte, hatte ich ständig Kopfschmerzen. Zugegeben, bei mir saß der Tumor an einer völlig anderen Stelle. Zum Glück, denn was ist das Leben ohne Kurzzeitgedächtnis? Deswegen rede ich mir ein, dass es besser für ihn ist, den Kampf hinter sich zu haben. Auch als Verlierer kann man gewinnen. Ewigen Frieden.

Heute Morgen, als ich aufwachte, dachte ich sofort wieder an meinen Vater. Er sagte immer zu mir: "Dai, tira avanti. Non farti tanti pensieri!" - Auf, weiter geht's. Mach dir nicht immer so viele Gedanken!

Ich habe den Spruch mein Leben lang gehasst, weil bei uns das Nachdenken, das Reflektieren nicht unbedingt als Qualität angesehen wurde, sondern als überhebliches, fast schon arrogantes Unterfangen - und ein Hindernis zum Glücklichsein. Als ob man das Denken abstellen könnte. Aber heute wollte ich es beherzigen. Ich war beim Schreibtreff, mit anderen schreiben. Ich werde die Zeit, die mir selbst geblieben ist, weitestgehend nutzen und genießen.

Mein Vater war ein guter Mann. Er hatte sein Herz definitiv am rechten Fleck. Trotz all seiner Fehler, die er begangen hat, kann ich guten Gewissens behaupten, sie seien nie aus Boshaftigkeit geschehen, sondern den Umständen geschuldet, vor allem seiner Sozialisierung. In Armut aufgewachsen, ohne jegliche Bildung, hat er es geschafft, allein nach Deutschland auszuwandern, in einer Zeit, in der es keinerlei Hilfe vom Staat gab - keine Sprachkurse, keine Einführung in die deutsche Gesellschaft oder in das deutsche Wahlsystem. Ein Gastarbeiter, ein unwillkommener Gast, zum Aufbau eines Landes geholt, das sich selbst in den Ruin getrieben hatte. Nachdem er mit dem ersparten Geld des ersten Jahres meine Mutter heiraten konnte, wollte diese lieber ins "gelobte" Land, als im chancenlosen Apulien zu bleiben. Beide haben sie sich durchgebissen, auch wenn sie dem Alltagsrassismus ausgesetzt waren. Nächstes Jahr im August wären sie 60 Jahre verheiratet gewesen.

Mein Bruder kam zuerst, fünf Jahre später ich. Leichter wurde es dadurch auch nicht immer, der Spagat zwischen den Kulturen oftmals zu schwierig. Zum Schluss, nach knapp sechzig Jahren, war die Integration vollendet – Mutter und Vater nahmen die deutsche Staatsbürgerschaft an.

Mein Dad wurde 82 Jahre alt. Demnächst wird er eingeäschert. Möge er in Frieden verbrennen und im Nichts verpuffen. Was bleibt, sind die Erinnerungen an ihn. In Gedanken werde ich ihn bei mir tragen. Als Mann, der verdammt gern lachte.

Victor Mancini

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Maira Gall