Freitag, 7. August 2026

Möbel der Veränderung

Ein großer, geschlossener Vierteiler-Kleiderschrank aus hellen Holzfurnieren mit zwei Mitteltüren, die verglast und mit weißem Stoff bezogen sind, steht auf einem hellen Holzboden in einer Wohnung, links flankiert von einem Radiator und rechts von einem Hutständer.

Ich habe in dieser Woche einige Sachen gehört, die mich nachdenklich gemacht haben.

Einer vom Schreibtreff sagte zu meinem Verlust: "Sure. You only ever get one." Das hat mich zutiefst berührt. Diese Erkenntnis. Viele Menschen sterben. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Aber man hat nur einen Vater. Und eine Mutter. Menschen, die einen länger kennen, als alle anderen.

Ein Freund, dessen Vater bereits verstorben ist, sagte, die Trauer käme in Schüben. In unerwarteten Augenblicken überkommt sie einen. Ich kann dem nur zustimmen. Mein Vater und ich waren nie wirklich eng. Nicht, weil er nicht herzlich war. Ganz im Gegenteil. Er hat mir die Wangen geküsst und mich immer fest umarmt. Wenn ich an manche meiner deutschen Freunde denke oder an eine japanische und eine koreanische Freundin, die mir unabhängig voneinander erzählten, dass sie ihre Väter selbst nach drei Jahren wiedersahen und trotzdem von Körperkontakt keine Rede sein könne. Bei uns war es immer warmherzig.

Nein. Weshalb ich meinem Vater nicht so nah war, lag mehr an seiner fehlenden Bildung und auch Auffassungsgabe. Es war schlichtweg anstrengend mit ihm zu sprechen, egal worüber. Auf Deutsch mehr oder weniger unmöglich. Auf Italienisch nur, wenn es um Basics des Lebens ging. Alles, was mich berührte, mich ausmachte, künstlerisch wie politisch, konnte ich niemals mit ihm teilen. Nicht mal im Ansatz. Nicht, weil ihm das Interesse fehlte, sondern nur, weil er weder die Bildung noch die Skills dazu hatte. Erhielt er ein Werbeschreiben von der Bank, dann bekam er Panik, weil er nicht wusste, was sie schon wieder von ihm wollten.

Sein ganzes Leben muss er permanenten Stress empfunden haben, weil er immer befürchtete, irgendwas könne ihn und das Leben, das er uns aufgebaut hat, aus den Fugen reißen.

Das muss schlimm sein. Dass ich ihn verstehe, hätte ich ihm gern mal gesagt. Aber dafür hätte er verstehen müssen, dass es ihm so geht. Wie sagt man jemandem so etwas? Papà, so che hai sempre paura di farti notare. Che hai paura che scoprano che non capisci, e che ti tolgano tutto.

Meine Therapeutin sagt, man könne in Imaginations-Sessions auch Dinge verarbeiten, von denen man glaubt, sie seien unklärbar. Man spielt die Szene imaginär nach, hält das Gespräch mit sich selbst. Aber ich glaube nicht, dass es in diesem Fall funktionieren würde. Denn dann würde ich meinem Vater Fähigkeiten in die Hand legen, die er nie besessen hat. Es geht also nicht um eine verpasste Chance, weil sie sich nie ergeben hätte, sondern weil sie unmöglich war. Zumindest kommt es mir so vor.

Ich kenne Leute, die sich ihre Haare schneiden lassen, wenn sie ihre Partner verlieren. Ich gestalte meine Wohnung neu, wenn meine Familie stirbt. Ich habe zufällig von der Nachbarschaft Möbel geschenkt bekommen. Oder besser, ich habe sie mir ausgesucht. Sie waren umsonst und bringen die notwendige Abwechslung. Am Montag trug ich mit meiner Freundin S. den Schrank in Einzelteilen über den Parkplatz hinterm Haus. Gestern baute ich ihn mit zwei Freunden zusammen und holte Sofa und Sessel ab.

Für so manchen mag es unangebracht wirken, einen Tag nach dem Tod meines Vaters Möbel zu besorgen und aufzubauen. Aber wie könnte ich seiner mehr gedenken, als das zu tun, was er immer am besten gemacht hat: Hand anlegen, wann immer es nötig wurde.

Einen neuen Lebensabschnitt beginnt man am besten mit einer Veränderung.

Victor Mancini

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Maira Gall