Freitag, 19. Juni 2026

Das Leben der Anderen

Eine große, blau leuchtende Projektion an einer weißen Galeriewand, die vage, verschwommene Silhouetten einer städtischen Kulisse zeigt. Darüber befindet sich eine kleinere, hellere, oval geformte Lichtprojektion in Gelb- und Weißtönen. Am rechten unteren Bildrand sitzt eine Person im Halbdunkel und blickt auf die Wand, während im Hintergrund eine weitere Person vorbeigeht.

Es mag seltsam klingen. Ich vermisse euch, obwohl ich nicht weiß, wer ihr seid, wie ihr ausseht und riecht, euch bewegt und lacht, wie eure Stimme klingt. Ich stelle mir manchmal Menschen vor, nicht meine Freunde, von denen ich weiß, dass sie diese Zeilen lesen, sondern Menschen, die ich nicht kenne. Wie sie irgendwo auf der Erde sitzen und auf die Bildschirme ihrer Rechner oder Smartphones starren und meine Worte lesen. Und mit mir weinen. Oder lachen. Oder lächeln. Das gibt mir Kraft, auch wenn mir klar ist, dass es jeglicher Realität entbehrt.

Nun mögt ihr denken, dass ich mich nicht besonders häufig melde, wenn ich euch doch so vermisse. Das liegt daran, dass ich gerade wieder in einem Loch bin. Es ist nicht so schlimm wie früher, weil ich den inneren Frieden auf meiner Seite habe. Ich atme ein paar Mal kräftig durch und mache weiter. Nichtsdestotrotz gibt es dieses Loch, in dem ich mal sitze, mal hineinblicke und ich muss damit fertig werden. Es ist nichts Neues, was meine Situation verändert. Es ist eine ständig wiederkehrende Erkenntnis. Dass mein Leben so anders ist. Eine Sackgasse, aus der es keinen Ausweg gibt. Zwar kann ich leben. Aber ich nehme nicht mehr am Leben der Anderen teil.

Ich treffe auf Menschen. Man verbringt eine bestimmte Zeit miteinander, tauscht sich aus, meist geistig. Solange wir über Aspekte im Außen sprechen, wie z.B. ein Fußballspiel, ein Buch oder einen Film, gibt es eine Art common ground. Wie bei einem Sportdate auf dem Squashcourt. Solange man dort ist und die Regeln einhält, haben die Teilnehmer Spaß. Es geht beiden gut. Dann geht man duschen. Und der eine erzählt von seiner Arbeit, von seinen Kindern, von seinen Eheproblemen und seinem letzten Urlaub. Oder seinem vorletzten, dem nächsten, übernächsten. Oder er erzählt von einem geplanten Jobwechsel oder einem neuen Business- oder Kunstprojekt. All diese Pläne erfordern in irgendeiner Form Geld. Geld, das man nicht hat, wird erspart. 

Man nennt das Zukunft.

Seitdem ich keine Zukunft mehr habe, also keine Hoffnung auf Besserung, muss ich jeden Tag die Motivation aufbringen, mich mit dem zu begnügen, was ich habe. Meine Abwechslung besteht höchstens darin, meine Gymnastikübungen am Morgen zu variieren, andere Musik zu hören, ein anderes Waschmittel auszuprobieren. Oder aus den immer selben Zutaten, die meinem zerstörten Magen-Darm-Trakt noch bekommen, andere Gerichte zuzubereiten. Aber was sich eben auch nicht geändert hat, ist meine Gleichgültigkeit dem Essen gegenüber. Essen bedeutet mir einfach nichts. Ich esse, weil ich essen muss. Ich gehe gerne mal ins Restaurant. Aber das tue ich nur noch ganz selten. Zum einen kann ich mir nichts mehr leisten. Zum anderen habe ich am nächsten Tag meistens noch physische Nachwirkungen davon.

Am Ende des letzten Monats hatte ich noch 9,13€ auf dem Konto. In dem davor waren es 11,94€. Und das, obwohl ich bei Lidl einkaufe.

Natürlich habe ich noch ein wenig Erspartes von der Zeit vor der Krankheit. Vielleicht kann ich damit irgendwann noch einen Urlaub machen. Aber um den Alltag zu bewältigen, muss ich mit der Grundsicherung auskommen. Im Gegensatz zu meinem früheren Leben ist das eine ganz andere Hausnummer.

Das Sozialamt hat mir neulich meine Fragen per E-Mail beantwortet:

"Grundsätzlich zählen Geldgeschenke als Einkommen und müssten entsprechend bei der Leistungsberechnung berücksichtigt werden. Auf eine Anrechnung kann jedoch verzichtet werden, wenn es sich um zweckgebundene Geldgeschenke oder Gutscheine handelt. Hier muss jedoch jeder Fall einzeln geprüft werden. Bei einer Überweisung muss der Zweck des Geschenks klar ersichtlich sein. Zudem kann bei Geldgeschenken zu besonderen Anlässen (z. B. Geburtstag) auf die Anrechnung verzichtet werden, solange der Gesamtbetrag im Jahr nicht 2600,00 EUR übersteigt."

Das ist meine neue Realität. Zu meinem Geburtstag in zwei Wochen und an Weihnachten kann man mir mit dem klar benannten Verwendungszweck "zum Geburtstag" oder "zu Weihnachten" etwas schenken. Ansonsten wird alles abgezogen.

Deswegen schreibe ich nicht so oft. Ich habe nicht immer die Kraft, mich damit auseinanderzusetzen, wie "normal" das LEBEN der ANDEREN ist, während meines so "unnormal" geworden ist.

Genießt die Hitze und viel Spaß mit der WM oder was ihr sonst so macht!

Euer
Victor Mancini

Keine Kommentare

Kommentar veröffentlichen

© Vic Mancini on Death Row
Maira Gall