Freitag, 6. November 2026

Catania, Scan & Panic

Verwitterte Hausfassade in der Altstadt von Catania mit einer alten Holztür, vergittertem Fenster, abgeplatztem Putz und verschiedenen Graffiti. Dazwischen ein blau gerahmtes Wandbild mit einem stilisierten Gesicht.


Die Zeit verrinnt zu schnell. Ich schaffe es nicht, sie festzuhalten. Ich meine das jetzt nicht esoterisch oder so. Ich hätte einfach nur genug davon, um ihr nicht ständig gefühlt hinterherzulaufen.

Am Mittwoch hatte ich meine routinemäßige Computertomographie vom Thorax, zwei Tage davor das MRT vom Gehirn. Wie schon die Male zuvor fand ich es wieder nervig. Das Warten und die Spritze, das unangenehme Gefühl vom Kontrastmittel und der hämmernde Lärm durch den Gehörschutz hindurch. Was ich diesmal viel schlimmer fand, war jedoch meine Angst. Ich weiß nicht mehr, ob ich es mir nur einbilde oder ob der Tumor wieder da ist und somit nur noch eine Sache von Wochen, bis es wieder alles verzerrt, verstärkt und ein ansatzweise normales Leben endgültig vorbei ist. Von da an geht es nur noch in eine Richtung.

Mein Bauchgefühl sagt mir, dass irgendwas im Argen ist. Ich hoffe, dass ich es mir nur einbilde. Öfter schon habe ich panisch reagiert, seitdem ich von meiner alten Unifreundin F. erfahren habe, dass es ihrer Mutter genauso ergangen ist. Auch ein palliatives Medikament. Nach zwei Jahren war der Krebs wieder voll da. Kaum mehr als sechs Monate später war sie über den Jordan. Ach, Mist. Davon hatte ich euch ja schon erzählt.

Jetzt gilt es auf die Ergebnisse zu warten. Die kommen erst am 16. November. Das liegt an mir. Weil ich für eine Woche raus bin. Gestern ging's zum Flughafen. Sizilien. Catania, um präzise zu sein. So richtig freuen kann ich mich nicht. Die meisten von euch werden das nicht nachvollziehen können. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ihr nicht mit 52 ständig alleine vereist. Oder aber ihr habt keinen unheilbaren Lungenkrebs. Mir geht es jedenfalls nur noch so, wenn mir eine Reise bevorsteht. Bin ich erstmal dort, genieße ich es meistens auch. Aber gestern konnte ich mich einfach nicht freuen.

Alles hat zurzeit einen düsteren Anstrich. Am Wetter, also an der Dunkelheit, liegt es nicht. Eher an der Perspektivlosigkeit, am fehlenden Selbstbewusstsein, was meine Buchveröffentlichung anbelangt. ETC. Ach fuck it. Vielleicht speit der Ätna ja ein wenig Feuer und Magma für mich.

Der Flug war ganz entspannt. Ich hatte mehr als genug Platz. Am Flughafen Catania nahm ich einen Bus in die Stadt und war um 22:30 in meinem Airbnb in der Altstadt. Meine Vermieterin heißt tatsächlich Tania. Sie ist 72 und wohnt mit ihrem Mann in der Wohnung über mir. Sie ist total nett. Das Zimmer ist okay. Hauptsache sauber, aber leider mit der Küche in einem. Der Kühlschrank ist verdammt laut. Da helfen nur Ohrenstöpsel und Schlaftabletten.

 Blick in ein kleines Airbnb-Apartment in Catania. Links ein Doppelbett, rechts eine offene Küche mit rot-weißen Schränken und bunten sizilianischen Fliesen. Dazwischen ein schwarzer Raumteiler.


Heute war ich dann in der Stadt unterwegs. Das Wetter ist wechselhaft, hat am Morgen sogar geregnet. Außer den touristischen Sehenswürdigkeiten wie unzähligen zu erwartenden Kirchen voller Madonnen und Jesusfiguren in allen möglichen Ausführungen, die mich schon nach der ersten ankotzten, war ich im Museo Arte Contemporanea Sicilia. Das war klein und kann natürlich nicht mit bekannten Häusern mithalten, aber mir hat es sehr gefallen. Vielseitig ohne die mittlerweile schon kategorischen Installationen. Ich mag Installationen, aber wenn die Räume so klein sind, dass man nur Platz für Bilder an der Wand oder eine gelegentliche Skulptur hat, finde ich es in Ordnung so. Hier ein paar Sachen, die ich cool fand.

Vier zeitgenössische Kunstwerke im Museo Arte Contemporanea Sicilia: ein großformatiges Porträt einer Frau mit verdecktem Auge, eine traumartige Darstellung zweier Figuren, eine Frau vor einem Vogelkäfig und das Porträt eines jungen Mannes in gelber Jacke.
Ich habe die vier Fotos selbst gemacht und so angeordnet. Sie hingen nicht so im Museum. Nur eins ist keine digitale Fotografie. Welches?
 

Fisch hab ich gegessen. So viel, dass mir schlecht geworden ist davon.

Sizilianischer gegrillter Fischteller mit verschiedenen Fischfilets, Garnelen und Tintenfisch, dazu ein Salat aus Tomaten, Gurken und Blattsalat. Auf dem Tisch eine Flasche Heineken 0.0%.

Später dann, als es mir wieder gut genug ging, habe ich einen cannolo al pistacchio schnabuliert. Höllisch viele Kalorien und für meine Fodmaps natürlich scheiße. Morgen wiege ich schon wieder einen Kilo mehr. Meine Gelenke jammern. Nach dem Urlaub werde ich wieder gezwungen sein, tagelang komplett auf Nahrung zu verzichten.

Nach der schönen Villa Cerami (heute das Unigebäude der juristischen Fakultät) und dem Anfiteatro habe ich das wichtigste für die Woche eingekauft und bin nach Hause gegangen. Ich hätte ein interessantes Konzert sehen können. Aber meine Füße haben gestreikt. Meine Finger jetzt auch.

Saluti e buona notte!

Victor Tomasi di Lampedusa 

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Maira Gall