Dienstag, 1. September 2026

Human Soul

Sechs verschiedene, nebeneinander auf einer hellen Fläche arrangierte Passbilder desselben Mannes aus unterschiedlichen Jahrzehnten seines Lebens – von jungen Jahren bis ins spätere Alter, teilweise auf alten Dokumenten und mit Stempeln versehen.

 
Wann ist die Absicht größer als die Liebe selbst? Rechtfertigen angeblich gut gemeinte Absichten den Schmerz? Einfacher ausgedrückt: Muss man alles ertragen, bloß weil man immer wieder hört, dass es ja gut gemeint war, selbst wenn man auf diese Form der Liebe liebend gern verzichtet hätte?
 
Ich sitze gerade im Zug nach Hause. Endlich. Die Beerdigung meines Vaters am Freitag, dem 28.8. war alles andere als eine Formalität, wie ich es vielleicht erwartet hatte. Ich habe eine Trauerrede gehalten, die ich im Anschluss an den Blogbeitrag wiedergeben möchte. Mindestens zehnmal musste ich schluchzend unterbrechen, bei den Erinnerungen und der Tatsache, dass der alte Kauz nicht mehr wieder kommt. Diese Vorstellung reißt mir immer wieder das Herz raus. Komisches Gefühl, diese Trauer.
 
Viele Leute sind gekommen. Auch hier wurde ich überrascht. Obwohl ich wusste, dass mein Vater recht beliebt war, hätte ich trotzdem nicht so viele erwartet. Besonders für seine Hilfsbereitschaft wurde er gemocht.  Er hatte diese sympathische Ausstrahlung, war ein dankbarer Lacher, selbst wenn die Witze teilweise zum Speien waren. Aber oft wusste man nicht, worüber man mit ihm reden sollte, hatte er doch keine wirklichen Interessen und verstand so wenig von allem, dass man schnell merkte, ein Gespräch mit ihm war nicht besonders erkenntnisreich. Ich vermisse ihn für seine Herzlichkeit.
 
Trotz ihrer verqueren Art war ich dieses Mal gern bei meiner Mutter. Ich habe sie noch nie so ängstlich gesehen. Sie weiß sehr wohl, dass sie sich nun einer nie gekannten Einsamkeit ausgesetzt fühlen wird. Nach über 66 Jahren Beziehung mit ein und demselben Mann, plötzlich allein zu sein, ist sicher hart. Ich habe also gern Zeit mit ihr verbracht und glaube, dass sie sich bemühen wird, schon recht bald Freundschaften zu schließen. Allerdings hat sie wieder alles falsch gemacht, als es um meinen Bruder ging. Sie wollte schlichten und mir seine Beweggründe mit derselben verständnislosen Logik meines Bruders näherbringen, ohne zu begreifen, dass es das nur schlimmer macht. Danach warf ich ihr an den Kopf, sie sei eine furchtbare Mutter, schon immer gewesen, und dass ich mich nun, nachdem sie alles versaut habe, gar nicht mehr zeigen werde. So ist es, wenn man von emotionslosen Familienmitgliedern umgeben ist. Dann muss man wie ein Berserker um sich schlagen und am besten die Zelte abbrechen.
 
Nein. Ich würde mit ihr zurechtkommen, wäre da nicht mein Bruder. Seine Hilfe ist voller Fallstricke. Erst macht er einen abhängig von sich und seiner Unterstützung. Dann erwartet er unendliche Dankbarkeit, selbst wenn man mit seiner Herangehensweise unzufrieden ist. Auf diese pocht er mit aller Gewalt – manchmal nur, um sich durchzusetzen, obwohl er selbst weiß oder vermutet, dass andere Vorschläge besser wären.
 
Vermutlich werde ich alle dort so schnell nicht mehr wiedersehen. Für meine Gesundheit wäre es jedenfalls das beste. So viel getriggerte Wut, Frustration und emotionalen Stress hatte ich ein ganzes Jahr nicht. Damals, als ich den Ort meiner Herkunft gemieden hatte. Kaum bin ich südlich von Frankfurt am Main, befinde ich mich auf dem absteigenden Ast.
 
Es wird Zeit, dass ich wieder an meinem Roman arbeite. Vier Tage Pause sind vier Tage zu lang.

In Gedenken an meinen Vater – To a human soul on the factory floor!

Peace out
V. Mancini
 
 
Trauerrede für meinen Vater, Giovanni P. 09.10.1945 – 02.08.2026
 
Als ich meinen Vater zum ersten Mal so wirklich wahrnahm, war ich vielleicht fünf, er schon an die 35, mit Halbglatze, wie wir ihn alle kannten. Er hatte sein ganzes Arbeitsleben lang einen Bierbauch und war bis zur Geburt seiner Enkelin Raucher. Zu unserem Leid. Vor allem, wenn mein Bruder und ich auf den langen Fahrten nach Italien im Auto hintendrin saßen. Auf der Autobahn konnte man die Fenster nicht lange offen lassen, war es doch viel zu laut. Klimaanlagen gab es damals nicht, hinten gar keine Fenster. Zuerst fuhren wir im orangenen Kadett, dann im weißen Ascona, später dann nur noch Golf. Golf II, III und IV. Zum Schluss kaufte er sich und seiner Frau einen kleinen Polo, mit dem meine Mutter heute noch fährt.

Ich behalte meinen Vater als lustigen Mann in Erinnerung, der immer viel mit anderen scherzte. Wenn er bei italienischen Festen war, tanzte er nicht nur mit meiner Mutter. Nein, mit jeder Frau. Zum Schluss auch auf den Tischen. Er pfiff dabei immer so witzig, ohne die Finger zu benutzen. Mein Bruder kann das auch. Ich nicht.

Er war bei allen beliebt, stets hilfsbereit und korrekt. Er hatte viele Freunde und Bekannte in der italienischen Community, aber auch unter Deutschen war er gern gesehen. Mit seinen Kegelbrüdern war er auf vielen Reisen, zum Balaton nach Ungarn, auf der Donau, sogar in der Türkei. Einen bleibenden Eindruck hinterließ bei ihm die Fahrt in ein Kloster, wo sie Bier brauten und Würste selber machten, wenn ich mich recht erinnere.

Leider hat mein Vater nicht so viel mit mir gespielt, vielleicht mehr mit meinem Bruder, bevor ich auf die Welt kam. Ich sehe ihn immer nur erschöpft von der Arbeit am Essenstisch, die Sorgenfalten auf der Stirn, die Gemüter oft erhitzt, die Stimmung nicht immer gut. Existenzängste sind kein Zuckerschlecken. Ich verstehe. Heute. Damals verstand ich nicht.

Er konnte mir in den Dingen, die mir etwas bedeuteten, nie helfen. Er verstand nicht, warum ich aufs Gymnasium gehen wollte und unterstützte mich später auch nicht darin, an die Uni zu gehen. Er gab mir bis auf das Kindergeld, das mir zustand, keinen Cent. Musik und Literatur waren ihm fremd. Kunst ein Zeitvertreib für die Reichen. Ich kann nicht behaupten, dass mein Vater und ich viel gemeinsam hatten.

Dennoch erinnere ich mich an die Male, als er uns zu den Liga-Spieltagen fuhr, zu meiner Zeit im Tischtennis-Verein in Wolfskehlen, und geduldig wartete, bis wir fertig waren. Auch fuhr er mich jede Woche zum Gitarrenunterricht nach Mörfelden und wartete eine Stunde im Auto, bis der Unterricht zu Ende war. Er begleitete mich beim Kauf meiner ersten zwei Gitarren, meiner Verstärker. Er verstand nichts davon, aber er fuhr mich hin und ließ mich machen.

Die schönste Lektion meines Vaters lernte ich mit etwa zwölf, als ich einen Commodore 64 Computer bekam. Ich weiß nicht mehr, woher er kam – ob geschenkt oder mit Erspartem von einem Freund meines Bruders abgekauft. Das ist nicht so wichtig. Entscheidend ist nur, dass ich unbedingt eine Floppydisk haben wollte. Das ist ein langes, schweres Gerät, in das man dünne, labberige Disketten reinstecken konnte, auf denen sich Computerprogramme befanden. Ohne dieses Gerät war mein Computer quasi unbrauchbar.

Ich erklärte meinem Vater, dass ich UNBEDINGT solch ein Floppy-Laufwerk bräuchte. Er wollte nur eins wissen und zwar, was es kostete – alles andere war ihm egal. Ich weiß noch genau: 560 DM. Er hat mir den Vogel gezeigt. Ich fragte ihn voller Verzweiflung, was ich denn tun solle. Er meinte, ich solle arbeiten gehen. Er wusste natürlich nicht, dass Kinderarbeit illegal war, hatte er schließlich schon mit 9 geschuftet. Also übernahm ich den Job meines Bruders und trug Zeitungen aus. Egal was kam, ich radelte bei Wind und Wetter und verteilte Werbeprospekte, Broschüren, sowas. Nicht einmal sagte ich ab. Denn ich hatte ein Ziel.

Nach ca. fünf Monaten, es war zwei Wochen vor meinem Geburtstag, fragte er mich, wie viel Geld ich zusammen hätte. Ohne nachzuzählen, wusste ich es sofort, lief ich doch seit Monaten nur mit einem Gedanken durch die Gegend. Ich rief: 315 DM. Er sagte: Weil du so hart gearbeitet hast, lege ich den Rest drauf und wir kaufen für deinen Geburtstag die Floppy. Ich war überglücklich. Danach behandelte ich diese Floppy wie den heiligen Gral. Ließ jemand den Öffner hochschnallen, gab es einen Anschiss. Den Wert von selbst Verdientem musste mir danach niemand mehr erklären.

Was ich damit sagen will, ist, dass mein Vater bei den Dingen, die mir wichtig waren, keine große Hilfe sein konnte. Wie auch. Er hatte ja keine Ahnung von Kunst, Literatur und Musik. Aber das, was in seinen Möglichkeiten lag, hat er stets getan.

Und so war er auch allen anderen gegenüber, soweit ich mich erinnern kann. Als die Familie Darconza und danach die Familie Luisi ihre Häuser gebaut haben, war er zur Stelle und hat kräftig mitgeholfen. Wenn Flavio und Luisa, Ferdinando und Ermelinda Hilfe brauchten, konnten sie immer auf meinen Vater zählen.

Als er in Rente ging, wurde er ganz entspannt. Das Sorgenvolle wich von ihm. Er hatte seine Ruhe gefunden. Dass er vor zwei Jahren von einem Hirntumor befallen wurde, war kein schönes Ende. Die letzten zwei Jahre waren wie bei einem Demenzkranken. Er vergaß immer mehr und verstand immer weniger. Sein Kurzzeitgedächtnis war völlig hinüber. Er redete wirres Zeug. Ihn so zu sehen, nicht mehr Herr seiner selbst, hat mir – hat uns allen das Herz rausgerissen. Ich hoffe, dass er damit recht hatte, als er sagte, er empfinde keine Schmerzen.

Ich kann mit dem christlichen Kram hier nichts anfangen. Wenn es euch gut tut, dann möchte ich euch diesen Trost nicht nehmen. Einen abschließenden Spruch in diesem Sinne könnt ihr von mir also nicht erwarten. Daher so: Möge seine Asche ohne Erdbeben in der Urne ruhen.

Ich danke dir dafür, dass du mein Vater warst. 

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© Vic Mancini on Death Row
Maira Gall