Seit meiner Krankheit ist der August ein scheiß Monat. Schon letztes Jahr war das so. Es liegt an der Urlaubszeit. Während für alle der Sommer die Zeit der Erholung ist, ist er für mich die größte Zeit der Einsamkeit. Nicht, weil ich noch mehr Zeit mit mir verbringe. Sondern weil die Abwesenheit der anderen durch die Freude der Menschen in den Straßen verstärkt wird.
Es ist, als würde man einer Pflanze am Fenster, die man nur selten gießt, weil sie eigentlich nicht viel Feuchtigkeit braucht, ausgerechnet in der trockensten Zeit des Jahres noch weniger Wasser geben. Während die Blumen draußen, am Balkongeländer, bei Regenschauern fast ersaufen.
Dennoch komme ich zurecht. Ich bleibe stark. Seit der Epiphanie in Australien ist meine Kraft nicht geschwunden. Ich freue mich jeden Tag auf das Leben. Auch wenn die Fortschritte beim Schreiben viel langsamer sind als ich gedacht hatte, geht es stetig voran. Ich bin guter Dinge.
Nächste Woche ist die Beerdigung meines Vaters. Ich denke oft an ihn, öfter als ich es je gemacht habe, als er noch lebte. Ich spüre ihn nicht bei mir sitzen oder so. Ich glaube an kein Leben nach dem Tod und auch an keine Seelen, die um uns herumschwirren. Ich werde ihn nie wiedersehen. So wie niemand mich jemals wiedersehen wird, wenn ich das Zeitliche segne. Ich halte es wie Kafuku, der Protagonist der Short Story "Drive my car" von Haruki Murakami: "Er bezweifelte, dass Tote überhaupt etwas empfinden konnten. Seiner Ansicht nach war das eine der besten Eigenschaften des Sterbens."
Wenn man tot ist, dann ist die ewige Ruhe das beste daran. Wenn man stirbt, dann ist man einfach nicht mehr. Das ist doch ein beruhigender Gedanke, wesentlich beruhigender als die Vorstellung von Himmel oder Hölle. Beide sind furchtbar, oder? In der Hölle zu schmoren, wie man sagt. Aber ewig im Paradies zu schlemmern hat doch auch nichts mit ewiger Ruhe zu tun. Mein Vater ist jetzt nichts mehr. Und das ist gut so. Ich hoffe für ihn, dass es nichts gibt. Kein ewiges Leben, das ihn quälen könnte. Ewige Ruhe. Schön.
Vielleicht habe ich deswegen immer mit dem Glauben gehadert, weil für mich das Versprechen mehr wie die Androhung einer ewigen Strafe klang. Ich möchte jetzt leben und jetzt die Tage genießen, am liebsten schmerzfrei und voller Liebe. Wenn ich tot bin, dann soll der Rest der Welt, die Neugeborenen den Planeten genießen, was von ihm übrig ist.
Keine Angst und keine Regeln, kein herabdirigierter Befehl zu Pflicht und Gehorsam. Das Leben gehört nur euch, ihr Kinder der Welt (ich meine das wörtlich, nicht metaphorisch!).
Das waren alle Worte für heute. Leer gedacht. Ausgeschrieben.
Victor Mancini

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