Sonntag, 17. Mai 2026

Vier Leben

Frontansicht des Kino International in Berlin an einem hellen Tag. Vor dem modernistischen Gebäude aus der DDR-Zeit fahren Radfahrer über eine breite Kreuzung, darüber blauer Himmel mit wenigen Wolken. Auf der Fassade hängt ein großes Banner mit der Aufschrift „Remastered for Masterpieces“
 

Asche auf mein Haupt. Eine Abwärtsspirale. Je länger ich hier nicht schreibe, desto größer der Haufen an Sachen, die ich euch erzählen möchte.

Erstmal vorweg: mir geht's gut. Der Körper, sprich der Krebs – same old, same old: ein Zwacken hier, ein Ziehen da. Und Drücken überall. Ich hab mich dran gewöhnt und damit abgefunden. Wichtiger ist: Der Friede in mir ist nie wieder gewichen, seit Australien, seit dem "epiphanen Augenblick." Möge kommen, was wolle.

Es gibt allerdings ein ABER, was den Roman angeht: egal, wie lange ich daran noch rumwerkele, ich schaffe es einfach nicht, ihn zu beenden. Gefühlt wird er nie veröffentlicht werden. 

Erst durch die intensive Arbeit daran ist mir klar geworden, dass vieles noch nicht funktioniert, unklar ist oder schlichtweg schlecht geschrieben. Da ich aber nunmal schon so viel Arbeit reingesteckt habe, möchte ich jetzt auch keinen Kackroman auf den Markt bringen. Insgesamt sind es 162.000 Wörter, also knapp 648 Seiten. Das wird nichts, so bringt es niemand heraus. Daher habe ich den Roman in zwei Bände aufgeteilt. Hierfür muss ich nun einiges so schreiben, dass die Geschichte auch ohne das ursprüngliche Ende funktioniert. Ist der erste Teil draußen, dann kümmere ich mich um den zweiten Teil.

Ich habe zwei Kurzgeschichten bei Wettbewerben eingereicht. Nie war ich bisher erfolgreich, aber ich versuche es weiter. Vielleicht kriege ich ja wenigstens mal eine Absage. Das wäre besser als gar keine Antwort.

Eine große Baustelle in meinem Leben ist das Geld. Ich komme mit dem Bürgergeld bzw. der Grundsicherung nicht aus. Kosten für Miete und Krankenversicherung sind damit gedeckt. Auch Essen und sonstigen Haushaltskram kann ich damit bezahlen. Aber sobald etwas anfällt (der Wasserkocher geht kaputt oder ich brauche neue Schuhe), reicht es nicht mehr. Meine Reserven sind so gut wie aufgebraucht, weil ich jeden Tag etwas davon abzwacke. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie es wird, wenn Handy oder Rechner am Arsch sind. Aufgeschmissen bin ich dann. Urlaub ist sowieso nie wieder drin. Aber darüber mache ich mir erstmal keine Gedanken. Zu weit in die Zukunft gedacht. Man weiß ja auch nicht wirklich, wie lange man mit dem Medikament durchhält.

Tragischerweise darf man mir kein Geld überweisen, weil das Sozialamt es sofort einkassieren würde. Wenn ich es denn richtig verstanden habe. Ich suche zurzeit nach Schlupflöchern im System. Wie die Reichen, die mithilfe von Steuerberatern Millionen an Steuergeldern sparen. Bei mir geht es nur um 50-100 Euro pro Monat, keine Millionen. Aber ich gerate eher in die Bredouille. Davon bin ich überzeugt. Bisher war es nur möglich, mir etwas in bar zuzustecken. Und meine Mutter hat mir ein Päckchen geschickt und ein paar Scheine zwischen die Packung Mandeln geschoben. Wer einem unheilbar krebskranken Freund mit einer Spende helfen möchte...

Jetzt zu anderem:

Fast alles, was ich in letzter Zeit gelesen habe, war scheiße. Warum ich so lange durchhalte, ist mir ein Rätsel. Ich muss einfach nur vorher abbrechen, dann ist es nicht so schlimm. Vor längerer Zeit hatte ich euch mal von meiner Enttäuschung beim Lesen von Haruki Murakami erzählt, da er einst zu meinen Lieblingsautoren zählte. Dieses Mal war es Paul Auster mit seinem Wälzer 4 3 2 1. Zum Glück habe ich es als Hörbuch gehört, vom Autor selbst gelesen. Dadurch konnte ich wenigstens seine Stimme nochmal hören. Dennoch gab ich nach fünfzehn Prozent auf. Immerhin sechs Stunden. Seit seinem Tod ist es ruhig geworden um die Autoren, die von NYC sprechen, als sei es das Mekka der Amerikaner, die sich für sophisticated halten, weil sie wissen, dass man Louis Armstrong vor Miles Davis hört und den vor John Coltrane, um die richtige Reihenfolge und damit die logische musikalische Evolution nachvollziehen zu können. Sowas hat mich schon immer genervt. Dieses elitäre Denken.

Aber keines seiner Bücher war je so schlimm wie das von Hanya Yanagihara. Das schlimmste Buch, das ich je angefangen habe zu lesen, war A Little Life. Ich habe 275 Seiten geschafft, noch nicht mal die Hälfte. Keine Literatur hat mich je aggressiver gemacht. Aber aus demselben Grund wie Auster mit seinem elitären Gelaber.

Zurück zu 4 3 2 1. Die Idee ist interessant. Er erzählt von Archie Ferguson, gibt vier verschiedene Lebensläufe derselben Person. Mein Eindruck war, dass er das Konzept der "multiverses" irgendwie nicht richtig verstanden hat. Die Unterschiede in den Geschichten der Familienmitglieder sind immer noch zu nachvollziehbar, während die Charaktere weitestgehend dieselben bleiben – ich stelle mir hingegen vor, dass ein einziger Schritt alles verändern kann, bis ins Unvorstellbare. Ich fragte mich, wie mein Leben heute wäre, gäbe es die 8x4mm in meiner Brust nicht. Wie wären meine vier unterschiedlichen Lebenswege dann?

Aber das war nicht das eigentliche Problem. Ich ertrug, wie gesagt, einfach seine NYC-Fixierung nicht mehr. Was ich einst spannend fand, hat mich nur noch gelangweilt und genervt. Vor allem diese amerikanische Art, Bildung an elitären Hochschulen vorauszusetzen und über upper-middle-class so zu reden, als wäre es die normale Familie von nebenan. Wenn ich noch einmal von Baseball und John F. Kennedy lesen muss...

Danach habe ich Philip Roth angefangen zu hören: Indignation. Genau derselbe Kack. Alte, weiße Männer, bei denen die Ideen auf alten Prämissen basieren. Die Haut zwischen meinen Zehen verschrumpelt.

Der nächste Reinfall war ein Brite: Ian McEwan, vielleicht der schlimmste von allen. Meine Fresse. Das Buch hieß The Innocent (nach einer Stunde abgebrochen). Nee, Leute. Das kann ich einfach nicht mehr. Ohne zu speien, meine ich. Die Klischees über die deutsche Sprache und die Berliner, wie sie angeblich in ihrer Kneipe reden. Und dann trinkt einer sechs große gezapfte Bier, hat aber am nächsten Morgen nicht mal den Ansatz eines Katers.

Also habe ich eine Kanadierin gelesen. Dachte, das geht bestimmt eher. Pustekuchen. Bei dem Namen hätte ich schon draufkommen sollen: Emily St. John Mandel, Sea of Tranquility. Ich sage lieber nichts. Oder doch, nur eins. Es ist der allerschlechtest denkbare Abklatsch einer genialen Romanstruktur: Cloud Atlas. Das habe ich damals verschlungen. Auch die Verfilmung mit Tom Hanks und Halle Berry mochte ich. Aber in Sea of Tranquility ist alles nur scheiße. Beispiel:

"Louisa kissed her, and Mirella knew it was over. She felt nothing. 'Call me,' Louisa said.
'Adieu,' Mirella said, as she backed away through the crowd and Louisa, who spoke no French and didn't understand the implication, blew her a kiss."

Kotz! 

Vielleicht fragt ihr euch, ob ich auch etwas Gutes gelesen habe? Hm, nicht wirklich. Sehr schlecht war noch Lydia Millets Dinosaur (abgebrochen): ein ultrareicher Aussteiger wandert von Manhattan nach Phoenix. Amerikanischer Kack - KOTZ!

Gut war Yoko Ogawas Minas Matchbox. Eine putzige Geschichte über einen gemeinsamen Sommer zweier Cousinen, ein Zwergflusspferd und das fiktive Getränk – ein angeblich gesundheitsförderndes Erfrischungsgetränk und eine Anspielung auf Radithor aus den USA. Wusstet ihr, dass es in den 1920er Jahren einen regelrechten Boom um radioaktive Produkte gab, von deren Heilkräften man überzeugt war, bis den Leuten die Zähne ausfielen?

Zurzeit lese ich ein Buch, das ich ziemlich gut finde, aber ich will den Tag nicht vor dem Abend loben. Es heißt Demon Copperhead. Ich melde mich zurück, wenn ich durch bin.

Was meine cineastischen Ansprüche angeht, bin ich auch ein ums andere Mal enttäuscht worden. Ausnahmslos macht Amerika alles kaputt. Die gequirlte Scheiße zuerst: Civil War. Pfui Teufel, was für ein Dreck. Dann Hamnet. Mannomann. Die neue amerikanische Formel scheint zu sein: welchen Bereich haben wir noch nicht ausgeschlachtet? Die Frauen großer Männer von einst und dann wird eine Geschichte daraus gesponnen. Kunst existiert in diesem Land nicht mehr. Nur noch Marketing und Auftragsarbeit, gutes Handwerk, aber ohne Seele. Keine Geschichten mehr, die es wert sind, erzählt zu werden. Wenigstens die Musik ist ganz okay, der Rest ist einfach nur Mist. 

Also habe ich beschlossen, nur noch asiatische und europäische Filme zu sehen, oder auch australische oder lateinamerikanische, wenn es denn welche gibt, die mich interessieren.

Hier nun fantastische neue Lieblingsregisseure neben meinem bereits seit langem etablierten Kore-eda Hirokazu, von dem ich leider schon alles gesehen habe:

Zuerst den Japaner Ryusuke Hamaguchi: Top Cinema. Besser geht es kaum. Drei seiner Filme kann ich wärmstens empfehlen: Drive My Car, Evil Does Not Exist, Wheel of Fortune and Fantasy (Das Glücksrad). Über den Inhalt möchte ich nichts verraten. Wer wirklich interessante Geschichten mag, schauspielerische Leistungen und szenische Kamerafahrten, ist bei dem Japaner bestens aufgehoben. Vor allem bei dem Episodenfilm Glücksrad gibt es spannende philosophische Ideen, bei denen ich mich immer frage, warum es mir nicht eingefallen ist.

Als nächstes möchte ich euch von einem koreanischen Filmemacher erzählen: Lee Chang-dong. Seine Filme sind krass, aber wow. Wenn dieser Mann kein absoluter Meister ist, wer dann?! Ein Geschichtenerzähler par excellence. Hier seine Filme, durch die ich mich gewühlt habe, denn das Ansehen ist ein Wühlen: Green Fish (1997), Peppermint Candy (1999), Oasis (2002), Secret Sunshine (2007), Poetry (2010), Burning (2018). Jeder dieser Filme ist cool. Ich möchte nur hervorheben, wie groß die Ideen sind. In Oasis beschreibt er eine ungewöhnliche Beziehung zwischen einer Frau mit Zerebralparese und einem geistig etwas zurückgebliebenen Mann. Von der Gesellschaft sanktioniert, müssen sie sich heimlich treffen. Peppermint Candy ist so originell erzählt. Ich dachte, ah, von Memento abgeguckt, bis ich kapierte, dass der Film vor Chris Nolans Film rausgekommen war. Aber natürlich wird das im westlichen Narrativ verschwiegen, so getan, als hätte man die Rückwärtserzählung in den USA erfunden. Zumindest hatte ich bis dahin nichts Vergleichbares gesehen.

So oder so. Wie ihr merkt, verbringe ich viel zu viel Zeit mit mir und meinem Hirn. Aber keine Sorge. Ich gehe raus, spazieren, fahre mit dem Rad zu allen Schreibtreffs und sehe meine Therapeutin. Also, alles beim Alten.

Ich versuche mich bald wieder zu melden. Bis dahin...

Euer
Victor Mancini 

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Maira Gall