Hier ein kleiner nicht-chronologischer Abriss von dem, was passiert ist.
Kalte Wochen. Eigentlich finde ich das schön. Ich war Sonntag vor einer Woche laufen, bei -2°C. Am Montag dann spazieren, ebensolche Temperaturen. Am Dienstag bin ich mit heftigen Stichen in den Bronchien aufgewacht. Es pochte zudem in meinem rechten Ohr, was es in letzter Zeit häufiger tut. Deutliche Zeichen seit dem Wintereinbruch: Das Lungenkarzinom mag die Kälte nicht.
Ich war kurzzeitig in Panik, dachte, es hätte mich doch erwischt. Denn bisher blieb ich von Erkältungen verschont. Mein Lebensstil (gesundes Essen, regelmäßiger Schlaf und viel Bewegung) unterstützt mein Immunsystem. Gemeinsam schafften sie es, eine Krankheit fernzuhalten. Obwohl ich nicht einmal eine Maske trug in engsten Räumen.
Ich trank viel Kräutertee und legte Wärmflaschen auf Ohr und Bronchien (mein Tumor liegt im linken Oberlappen, also links kurz unter dem Schlüsselbein). Ergebnis: Ich musste nicht ins Krankenhaus. Bei Fieber gilt ja weiterhin derselbe Deal mit der Onkologin des Lebens.
Für die, die denken, ich hätte in irgendeiner Weise meinen inneren Frieden verloren – seid beruhigt. Mir geht es bestens. Ich habe dieselben Nebenwirkungen, andauernd kleine Lichtflecken vor den Augen, wenn ich mich zu schnell bewege, Vergesslichkeiten, Schmerzen hier und da, aber das kann mich nicht mehr runterziehen. Ich habe einen Zustand erreicht, in dem ich nicht mehr so leicht zu erschüttern bin. Wenn ich ins Krankenhaus muss, dann ist es so. Und wenn es vorbei ist, dann ist es auch gut. Und das, obwohl ich das Leben zu lieben gelernt habe.
Beispiel: Das Jobcenter versucht mir seit ein paar Wochen das Leben schwer zu machen. Natürlich ist das nur eine anonyme Person, die denkt, ihren Job machen zu müssen. Dank KI – ich bin so glücklich, dass es sie gibt! – kann ich das Problem sofort analysieren lassen. Wenn eine KI zu dem Ergebnis kommt, dass die sachbearbeitende Person sich irrt, lasse ich es von einer weiteren KI prüfen. Kommt sie zu demselben Ergebnis, lasse ich mir einen Widerspruch erstellen und sende ihn ab. Das Ganze dauert fünf Minuten und erspart mir jeden Stress. Aber selbst wenn es nicht klappen sollte, bezahle ich, was auch immer sie mir abziehen wollen. Ich bin ja dankbar, dass der deutsche Staat mich leben lässt und alles bezahlt. Ich lege nur deswegen Einspruch ein, weil sie Geld wollen für die Heizungskosten, die ich 2024 noch selbst bezahlt habe. Egal, nicht wichtig.
Wichtig ist nur: Etwas, das ich früher niemals gekonnt hätte – ich hake es ab. Das Leben geht weiter. Es ist nur unnötige Paragraphenreiterei.
Wichtiger sind die schönen Dinge: Ich habe einen super Salat gefunden, den ich mir zurzeit fast jeden Tag mache, von dem ich nicht genug kriegen kann. Die Zutaten: eine Basis aus grünem Salat, egal welchem, Tomaten und Gurken, dann Feta, Walnüsse, Oliven und Avocado. Das Besondere kommt zum Schluss: Rote Bete und Kohlrabi (in der Pfanne mit Thymian und Rosmarin gebraten) und drübergestreut. Weil mir zu viel Rohkost nicht gut tut.
Ich habe mir eine elektrische Zahnbürste gekauft, zum ersten Mal in meinem Leben. Wie konnte ich nur so lange darauf verzichten? Genial!
Ich habe einen tollen französischen Film gesehen von einem meiner geheimen Lieblinge, Quentin Dupieux, vielleicht noch einigen bekannt als der Musiker Mr. Oizo. 1999 lief sein lustiger Song „Flat Beat“ in den Charts hoch und runter. Er ist drei Monate älter als ich und hat schon acht Alben und fünfzehn Filme veröffentlicht. Sein neuester Streifen ist L'accident de piano. Wer gerne absurdes Kino sieht: nur zu empfehlen. Und die Schauspielerin, Adèle Exarchopoulos, ist fantastisch. Schon in Blau ist eine warme Farbe (La vie d'Adèle) fand ich sie super.
Das neue Album der englischen Band Dry Cleaning ist endlich auf dem Markt. Yay!
Mein Schüler A., der mir u. a. meine Reise nach Australien möglich gemacht hat, kam aus Jerusalem zu Besuch. Wir waren im Humboldt Forum, sahen die Asienausstellung mit temporärem Fokus auf Japan. Ich fand sie nicht so spannend – alles im Humboldt Forum ist immer nur mittelmäßig. Schade. Aber das Gebäude – die schiere Größe und Aufteilung der Räume – finde ich beeindruckend.
Ich habe J. getroffen – nach vielen Monaten, in denen wir keinen Kontakt hatten. Sie gehört zu den Menschen, bei denen es damals zu Missverständnissen kam, sei es durch mein Verhalten oder durch unüberlegte Aussagen ihrerseits. Umso schöner ist es, dass jetzt wieder alles gut ist und wir die Sache hinter uns lassen konnten.
Am Mittwoch waren wir gemeinsam im C/O Berlin, eigentlich einer meiner absoluten Lieblingsorte. Oh boy, was für eine enttäuschende Ausstellung. Solch ein schwaches Niveau habe ich dort noch nie erlebt. Sie heißt CLOSE ENOUGH – Perspectives by Women Photographers of Magnum. Zwölf Fotografinnen – ich hatte mich so darauf gefreut, aber nicht nur waren viele der Fotos schlichtweg schwach, auch die Kuration war eine Katastrophe: fehlerhaft, unlogisch und völlig uninspirierend. Nur zwei, drei Arbeiten gefielen mir einigermaßen. Definitiv kein Tipp.
Ich habe The Rum Diary von Hunter S. Thompson als Hörbuch gehört. Wer mit dem Namen des Autors nichts anfangen kann, erinnert sich vielleicht noch an Fear and Loathing in Las Vegas, das vor fast dreißig Jahren mit Johnny Depp und Benicio del Toro verfilmt wurde. Gonzo Journalism – das ist eine Form von subjektiver Berichterstattung, bei der der Reporter zum aktiven Teil der Geschichte wird. In Zeiten der Cancel Culture fühlt es sich merkwürdig an, ein solches Buch noch zu lesen bzw. zu hören. Begriffe wie pig für Frau und die herablassende Haltung der Amerikaner den einheimischen Puerto Ricanern gegenüber waren irgendwann nur noch nervig. Seltsam war es auch, die Geschichte im Winter zu hören, während um einen herum Schnee liegt – eine Geschichte über das permanente Schwitzen und Saufen in Puerto Rico. Ebenso kein Tipp!
Ich war zweimal in der Sauna, nach dem Sport. Die Sauna selbst ist nicht besonders, aber mir tut sie gut. Hitze macht den Bronchien überhaupt nichts aus, ganz im Gegenteil. Da schlummert das Karzinom vor sich hin und denkt gar nicht erst daran, aufzumucken.
Am wichtigsten ist weiterhin das Schreiben. Mittlerweile habe ich eine Routine von vier Terminen pro Woche, an denen ich mich mit anderen treffe und schreibe. Das ist perfekt, um nicht zu vereinsamen. Man lernt neue Leute kennen und tauscht sich aus. Letztens hatten wir ein unbeschreiblich aufschlussreiches Gespräch über KI: wie jede:r sie nutzt, was man keinesfalls tun sollte und welche Ängste sie schürt. Gleichzeitig bin ich so produktiv, dass ich keine Sekunde mehr daran zweifle, den Roman zu schaffen – also ihn zum Lesen bereit in den Läden stehen zu sehen.
Weitere Dinge, die mir durch den Kopf schwirren ...
... die Australian Open beginnen bald. Sehr gut, endlich wieder Tennis.
... ich habe in mehr als vier Wochen mein Buch immer noch nicht ausgelesen.
... heute Abend Buchclub – das Buch gefiel mir nicht. Hab es nicht zu Ende gelesen. Ein anderes als das in der Zeile drüber.
... nach Venezuela ist jetzt Grönland dran, danach der Iran. Ich möchte einmal mehr betonen, dass ich froh darüber bin, dass Maduro weg ist. Aber die Brechstangenmethode Trumps besorgt mich. Möge Grönland frei bleiben! Und der Iran frei werden!
Euer
Victor Mancini

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