Donnerstag, 29. Januar 2026

1.440 Minuten Schrott und ein Scheibenwischer im Kopf

Ein rot-schwarzes Plakat der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz mit der Aufschrift „IRGEND ETWAS IST PASSIERT“. Die schwarzen Buchstaben sind in einer verzerrten, wellenartigen Typografie gesetzt, die einen leicht hypnotischen und unruhigen Effekt erzeugt.

Ich habe seit meinem letzten Eintrag ein paar interessante Dinge erlebt, von denen ich euch erzählen möchte.

THE CLOCK:
Ich war in der Neuen Nationalgalerie und habe mir THE CLOCK angesehen – also dreizehn Minuten davon. Wer das nicht kennt: Es ist ein Kunstprojekt, ein 24-stündiger Film mit 1.440 Minuten Filmmaterial, bei dem man eine Szene nach der anderen sieht, die die tatsächliche Uhrzeit mit Filmsequenzen der entsprechenden Uhrzeit zeigt. Beispiel: Man ist um 14:13 Uhr im Museum. Dann zeigt der Film Filmszenen mit Uhren, die 14:13 Uhr abbilden. Um 17 Uhr, okay, easy. Aber nachts um 3:43 Uhr? Schon krass.

Der amerikanische Künstler Christian Marclay hat es tatsächlich geschafft, mit einem Team von sechs Assistenten dieses Mammutprojekt über drei Jahre hinweg zu realisieren. Mein Gefühl sagt mir, dass dieser Marclay ein Idiot ist, aber interessant ist es allemal.

Ich fand, wie so oft bei Installationen und Konzeptkunst, die Idee spannender als die Umsetzung. Wirklich abgeholt hat es mich nicht. Denn angucken kann man sich den Kack nicht. In den dreizehn Minuten, die ich mir angesehen habe, wäre ich viermal fast eingeschlafen. Man versinkt, wenn man Glück hat, in einem megafetten Sessel und kann sich von einem sinnfreien Zusammenschnitt berieseln lassen. Ich saß auf dem Boden, weil es übervoll war. Der Künstler wollte angeblich, dass man die Zeit „fühlt“, aber für mich war es ein etwas besserer Screensaver mit Hypnosegarantie.

Vielleicht läuft normalerweise einer rum und leert die Taschen der Schlafenden. Das Beste zum Schluss: Wer sich die Ausstellung ansehen möchte, hat Pech gehabt. Sie ist schon zu Ende.

EMDR:Ich hatte Traumatherapie bei meiner Psychologin: EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing). Das ist eine Therapiemethode, bei der traumatische Erlebnisse durch gezielte Augenbewegungen im Gehirn neu verarbeitet werden. Meine Therapeutin macht das mit den Fingern. Sie führt den Zeige- und Mittelfinger in einem Abstand von zwei Metern vor meinen Augen hin und her, wie ein Scheibenwischer, und ich folge dieser Bewegung nur mit den Augen.

Ist echt krass. Hätte nicht gedacht, dass es funktioniert, aber tut es irgendwie. Also zumindest hatte ich seither keine Panik mehr. Sonst habe ich zwei bis drei Augenblicke pro Tag, wo ich kurzzeitig von dem Gefühl übermannt werde, dass es wiederkommt. Dass der Tumor wieder zuschlägt, sprich: eingeschränkte Sicht, starke Kopfschmerzen, verminderte bzw. gestörte kognitive Fähigkeiten. Im Kopf ist dann gefühlt alles verschoben. Das war so schlimm, dass ich lieber sterben wollte und das auch so meiner Onkologin kommuniziert habe.

Ich hatte danach Kopfschmerzen, weil es anstrengend ist. Man stellt sich die traumatisierende Situation vor, ruft das Gefühl künstlich wieder herauf und achtet auf den Körper. Wo spürt man das Unwohlsein? Im Bauch, Zwerchfell oder in der Brust? Man bleibt dabei und läuft nicht weg. 30 Sekunden später: Pause. Wo fühlst du es jetzt? Welches Bild kam hoch? Nächste Runde. Mehr als 20-mal später war der Schmerz zum Schluss am stärksten in den Bronchien, genau da, wo mein Tumor sitzt. Und der Fucker ließ erst nicht nach. Aber irgendwann hat es sich langsam aufgelöst. Und dann war nichts mehr da.

A bit of magic. Aber hochwissenschaftlich. Kein Aluhutquatsch. Die WHO hat EMDR im Jahr 2013 offiziell anerkannt und als eine der wirksamsten Methoden zur Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen eingestuft.

Wer unter PTBS leidet und es noch nicht kennt: Probier’s aus. Vielleicht funktioniert es bei dir nicht, aber es schadet auch nicht.

Euer
Victor Mancini

1 Kommentar

  1. *räusper* und *fingerzeig* → https://mikrobi.libralop.de/nur-ein-einziger-tag ;-)

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© Vic Mancini on Death Row
Maira Gall