Montag, 28. April 2025

Antlers on the Moon - A trip to the past

Album-Cover von The Antlers, Hospice
        The Antlers – Hospice (2009)
        Cover: © Zan Goodman / Frenchkiss Records / via Bandcamp

 
The Antlers, Hospice

Wie ihr wisst, versuche ich Reisen in die emotionale Vergangenheit weitestgehend zu vermeiden. Sie sind schön, schön schmerzhaft und können das Boot leicht zum Kentern bringen. Deswegen gilt die klassische Überlebensdevise "Don't rock the boat", wobei mit Boot hier das Chaos gemeint ist, was am ehesten meiner momentanen Gefühlslage entspricht.

Sonntag, 27. April 2025

Tribüne rechts

Die Bühne vom Neuen Haus im Berliner Ensemble. Von meinem Platz aus, vor der Aufführung. Das Licht ist an, die Bühne leer


Ein wenig verkatert. Ohne Kopfschmerzen, aber dennoch träge und schwer. Ein Berliner Pilsener (unlecker) von der Kantine im Neuen Haus des Berliner Ensemble. Mit dem Bier offiziell in die Vorstellung zu Michel Friedmans FREMD, gespielt von Sibel Kekilli. Katastrophal schlecht! Nicht das Schauspiel. Sie war großartig. Die Inszenierung zum Speien. Für mich jedenfalls. Diese Art zu erzählen – absolut nicht mein Ding.

Freitag, 25. April 2025

Il 25 aprile

M10 Tram mit Bundeswehr-Werbung an der Ecke Eberswalder Straße und Schönhauser Allee

Der 25. April ist DER italienische Nationalfeiertag - L'anniversario della Liberazione d'Italia. Mir ist nicht nach Feiern zumute, obwohl ich allen Grund dazu hätte: die CT-Ergebnisse waren laut der Onkologin des Todes sehr gut. Das Karzinom im linken Lungenflügel und die Metastasen in den Lymphknoten zwischen den Flügeln und im Bauch sind kleiner geworden. Allesamt. Wo auch immer sie genau lagen, ist mir egal - ich verstehe sowieso nicht die Bohne vom Befund. Ich beschäftige mich, wie ihr wisst, lieber mit Haiku, Giuseppe Garibaldi oder Synkopenverschiebungen. Solange ich noch lebe! 

Mittwoch, 23. April 2025

33.439 Schritte

Lichtinstallation bei Dark Matter, Berlin

Ich habe unruhig geschlafen, bin des Öfteren aufgewacht, konnte aber jedes Mal wieder vor Erschöpfung einschlafen. Das liegt zum einen an den vergangenen beiden Tagen - walking through Berlin with my niece - und zum anderen am bevorstehenden Ereignis. In wenigen Stunden werde ich eines meiner Engelchen - Fr. Dr. V. - wiedersehen. Ich habe vieles mit ihr zu besprechen. Und ein großes Huhn zu rupfen. Letzteres verrate ich zuerst. Seit Dezember warte ich auf meinen Schwerbehindertenausweis, mit dem man so einiges machen kann, u.a. Gelder beantragen. Dieser Ausweis trifft nicht ein - von Nachfragen wird abgeraten! - also warte ich. Und warte. Nun stellt sich heraus, dass die Bearbeitung an fehlenden Unterlagen seitens der Onkologie scheitert. Aaaaaaaah!

Sonntag, 20. April 2025

Menschenkind

Kirschbaum in voller Blüte im Weidenweg, Berlin

Ostern, am Arsch. Das letzte große Christenfest habe ich mit einer prickelnden Diagnose im Gepäck verbracht. Ihr kennt sie zur Genüge. Und zur Bescherung gab's eine Walnuss im Gehirn. Mein Vater brach am 26. am Tisch zusammen und wurde vom Notarzt abgeholt, weil er wie der Rest der Familie (bis auf meine Schwägerin) Covid hatte. Trotz des Horrors war's gut, weil ich bei meiner Familie war. Wer weiß, ob wir nochmal so zusammen kommen. Bei meinem Dad hatte man ja auch eine Walnuss im Hirn gefunden, nur im Frontallappen. Beim Rausschneiden ist doch ein größeres Loch entstanden als zuvor angenommen und die Fähigkeit, sich was zu merken, ist mittlerweile futsch.

Donnerstag, 17. April 2025

Das eine oder das andere

Sara Goldfarb, gespielt von Ellen Burstyn, in Requiem for a Dream. Fischaugenperspektive in Nahaufnahme ihres Gesichts. Völlig vom Metamphetamin zerstört© Screenshot aus Requiem for a Dream (2000) / Artisan Entertainment. Verwendet als Zitat nach § 51 UrhG.


Nein, so wird das nichts. Seit 5:55 liege ich wach im Bett. Oder besser gesagt irgendwo zwischen einem Wachzustand und einem emotional-komatösem Halbtod. Ich mache mir was vor. Nicht, dass ich noch schlafe, das bilde ich mir nicht ein. Ich tue so, als ginge es mir besser, als es tatsächlich der Fall ist.Die Realität ist düster wie der Himmel heute Morgen. Ich habe wieder Schmerzen: in den Beinen, an anderen unbestimmten Stellen im Körper - sie kommen und gehen. Morgens in den Fußsohlen, nicht erst seit heute. Ich habe mein Problem mit den Zähnen gelöst. Dafür gibt's wieder die anderen Schmerzen. Das eine oder das andere. Mit einem muss ich leben - das ist der Preis.

Mittwoch, 16. April 2025

LITERATUR ist mir geblieben VI: Accabadora. CT & Zolpidem

Grafitti von der S-Bahn aus fotografiert: "Life's short"

Entschuldigt bitte, dass ich mich solange nicht gemeldet habe. Ich weiß, dass mein Blog für einige bedeutet, dass ich noch am Leben bin. Ziehe ich mich für ein paar Tage zurück, ist das noch kein Grund zur Panik. Alles beim Alten, mehr oder weniger. Mehr - das Geschriebene, ich mache langsame Fortschritte beim Roman. Weniger - meine Zähne nehmen rasant ab. Das Zähneknirschen wird von Mal zu Mal schlimmer. Doch dazu später mehr.

Samstag, 12. April 2025

Himmlischer Genuss.

Cosmic Crisp Apfel auf Küchentisch des Autors


Drei Dinge beschäftigen mich, bevor ich mich dem Roman zuwende, der sich vernachlässigt fühlt.

Ich werde wild durcheinander ARBEITEN, ohne STRUKTUR. So, wie es mir einfällt. Dieser Modus entspricht meinem heutigen Gemüt, das von der Nacht geschunden ist. Denn letzte Nacht kam Dantes Inferno gleich.

Freitag, 11. April 2025

Kaffeegedanken.

Becher des Autors auf Küchentisch, gefüllt bis zum Rand mit Kaffee

Beflügelt durch einen Kommentar, den ich heute morgen las, möchte ich euch eine weitere Horrorgeschichte aus dem Hause Mancini erzählen. Als ich gestern morgen aufwachte, hatte ich den dritten Tag in Folge Schmerzen, und zwar in der rechten Ohr-Wangen-Gegend, nicht stark, aber doch vorhanden und von Mal zu Mal stärker. Während ich sie die ersten beiden Tage noch geschafft hatte zu ignorieren und "wegzuhoffen", waren sie schließlich zu präsent geworden. Ich befürchtete Schlimmes: Mittelohrentzündung.

Mittwoch, 9. April 2025

LITERATUR ist mir geblieben V: Gebranntes Kind


Düsteres Sumpfgebiet im Altrhein bei Stockstadt, aufgenommen auf dem Kühkopf.
 
Vor sechs Tagen schrieb ich in Schon wieder Hunde über den Albtraum, über die Hunde, wie sie mir erschienen waren. Ich fragte nach eurer Meinung, warum sie ausgerechnet in dieser Nacht zu mir gekommen waren. Eine Antwort habe ich nicht bekommen.

Sonntag, 6. April 2025

Geistige Onanie


Abstrakte Leuchtstoffröhren von der Ausstellung im Futurium

Heute möchte ich über Literatur sprechen. Ich denke Literatur, ständig, warum nicht darüber schreiben. Ich meine nicht, Literatur zu produzieren, sondern über sie zu schreiben. Was bedeutet mir Literatur? Ich will hier jetzt keinen literaturwissenschaftlichen Sermon halten – das haben andere vor mir schon zur Genüge gemacht. Das langweilt mich. Überhaupt bin ich schnell gelangweilt von allem und jedem. Wieso, weiß ich nicht. Vielleicht, weil das Leben wesentlich banaler ist, als wir denken. Klar, es wirkt komplex, in all seinen Facetten. Aber am Ende des Tages ist es simpel: schlafen, fressen, trinken, ficken.

Freitag, 4. April 2025

WU LYF

Cover der neuen Single "A New Life Is Coming" - von WU LYF. Es eigt ein schwarzes, kreisförmiges Symbol auf weißem Hintergrund. Dieses Symbol erinnert an ein stilisiertes Amulett oder Siegel.

"Image copyright © WU LYF / L Y F Recordings. Used under fair use for promotional purposes. All rights to the image are owned by the respective copyright holders."

Sometimes it's too hard to bear. This is just one of those days. I can't stop crying. And all it takes to set me off is a video of a friend's daughter, a line in a book, or today... this song. It does me in. WU LYF has released a new single. After 14 years. I've been waiting.

Donnerstag, 3. April 2025

Schon wieder Hunde.

Ein von ChatGPT generiertes Bild, das zwei Hunde in Drohgebärde zeigt, basierend auf einem Traum des Autors

Diesmal im Traum. Ein Albtraum. Wieso? Was soll das? Keine Ahnung. Aber da waren sie, so wie im Foto dieses Beitrags. Das habe ich von Freddy, wie ich ChatGPT nenne, nach präzisen Vorgaben erstellen lassen. In Italien damals, das waren ganz andere Hunde, die Situation eine andere. Aber das Gefühl war dasselbe. Diese Ausweglosigkeit. Nur die Hunde und ich. Ich und die Hunde. Und dieses unheimliche Unbeschreibliche.

Dienstag, 1. April 2025

Thrombus Katakombus

Victor Mancini im Keller der Vivantes Klinik in Berlin-Friedrichshain unterwegs zum Ultraschall im Gefäßzentrum

Meine Onkologin des Todes lobt jedes Mal, dass ich gut auf meinen Körper hören würde, genau wüsste, wie er tickt. Ich kann ihr nicht ganz recht geben. Wenn ich ihn wirklich so gut kennen würde, hätte ich wahrscheinlich früher gemerkt, was sich in meiner Lunge abspielt. Zumindest bevor die mutierten Zellen sich in den Lymphen breitmachen und ins Hirn vordringen. Auf der anderen Seite – wer weiß, ob man solche Veränderungen überhaupt spüren kann.

Sonntag, 30. März 2025

Apixaban

Behandlungszimmer in der Rettungsstelle im Vivantes, Berlin-Friedrichsahain

Treffen sich drei Freunde abends in der Kneipe.

Fragt der eine: „Und, was habt ihr am Wochenende gemacht?“

Sagt der andere: „Ich war mit meiner Frau und den Kindern im Wald spazieren, danach gab’s Eis. Und du?“

„Ich war mit meiner Freundin übers Wochenende im Thüringer Wald. Hab mir ’ne neue SLR gekauft. Wollte ich ausprobieren. Und du?“ Dabei schaut er abwechselnd vom Blähbauch in die Pickelfresse und zurück.

Mittwoch, 26. März 2025

Merkwürdig

Victor Mancini bei einer Verköstigung im Michelin-Restaurant Salita in Valencia

Mist! Fuck! Verdammte Scheiße! Es ist doch passiert, was ich unbedingt vermeiden wollte. 98 Tage nach meiner Diagnose habe ich mich erkältet. Wahrscheinlich im Flugzeug angesteckt, wer weiß. Ob es zum Tod führen wird? Kann sein. Gilt jetzt abzuwarten. Mir geht's nicht gut, aber ich habe kein Fieber. Solange ich kein Fieber habe, mache ich die Pferde nicht scheu und fliege erst wie geplant morgen zurück.

Sonntag, 23. März 2025

Übersättigt!

Große Paellapfanne in Valencia, gefüllt mit Reis, Garnelen, Calamar und anderem Fisch

Gambas, atún, pimientos de Padrón,
Bravas, tortilla y arroces de montón.

Calamar hasta la muerte,
Un día me basta, no quiero ser tragón.

Samstag, 22. März 2025

Der Nachtisch war das Beste!

Torrija - typischer spanischer Nachtisch in Valencia, eine Art "Armer Ritter"

Ich liege im Bett in Valencia und huste. Und habe Angst deswegen. Seit ein paar Tagen zicken meine Bronchien immer mehr. Sie jammern und beschweren sich – ich weiß nicht, ob wegen der korrumpierten Zellen oder einer nahenden Erkältung. Wie soll man sowas wissen? Bin ja kein Mediziner. Der nächste Termin bei meinen Moiren, Klotho und Lachesis, den Wächterinnen über Leben und Tod, ist erst am Freitag – also am Tag nach meiner Rückkehr. Bis dahin muss ich durchhalten.

Donnerstag, 20. März 2025

Auch wenn ich nichts produziere

Spiegelinstallation im Futurium als Sinnbild für Big Data und digitale Vernetzung.

In der psychoonkologischen Beratungsstelle der Berliner Krebsgesellschaft hatte ich gestern einen Termin. Mit einer Frau F. Nett war sie und äußerst kompetent – zumindest hatte ich den Eindruck. Das Gespräch gefiel mir. Wir redeten über dies und das: über meine Situation, darüber, was meinen Seelenfrieden ins Wanken gebracht hat, und darüber, was mir hilft, emotional zu überleben.

Dienstag, 18. März 2025

Nachklapp

Vater des Autors nach Hirnoperation, im Restaurant Zur Scheune, mit hilflosem Blick auf seinen Teller

„Siediti“ (Setz dich), sage ich und helfe ihm auf den Stuhl.

„Non può mangiare. Deve essere digiuno per gli analisi del sangue! Solo bere, acqua o caffè, ma senza zucchero“ (Er darf nichts essen. Er muss nüchtern bleiben für die Blutuntersuchung! Nur trinken, Wasser oder Kaffee, aber ohne Zucker), ruft meine Mutter aus dem Bad.

Montag, 17. März 2025

Woodys Flixtrain-Neurotiker

 

Innenraum eines Flixtrains während der Fahrt von Frankfurt nach Berlin

Ich sitze im Flixtrain nach Berlin. Ich mochte den Flixtrain immer. Denn er ist billig. So billig, dass ihn vorzugsweise junge Menschen und Leute ohne Geld nehmen. Das macht ihn zur U-Bahn unter den Fernzügen, falls ihr versteht, was ich meine. Man trifft hier allerlei an. Das finde ich besser als die Geschäftsleute und Bahncard-Träger im ICE, die ihr Spießbürgertum mit sich führen.

Sonntag, 16. März 2025

Wilted, withered, faded …

Autor mit seinen Eltern vor einer historischen Ölförderanlage im Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue

…maybe not the right words, but the first that come to mind. It’s not like we’ve ever really talked about things that mattered, but still—seeing him like this feels weird. I’m talking about my father—you might have guessed. I’ve been with my family for three days again, since my mom turned 80 yesterday. She doesn’t look it—especially compared to others her age. And considering everything she’s been through, physically and mentally, with my father’s illness and mine, she seems kind of invincible. The birthday dinner was low-key, which was nice. Good food and no distant relatives to make things awkward.

Donnerstag, 13. März 2025

Déjà-vu

Autor mit Zugang im Arm im Vivantes Klinikum Friedrichshain (Verdacht auf Thrombose)

Heute gibt es keinen strukturierten Beitrag. In meinem Kopf herrscht Chaos. Deswegen bekommt ihr alles so, wie es mir in den Sinn kommt. Heute ging der Blog für eine Weile nicht. Mein Freund E. hat endlich meine Domain gekauft. Nun findet ihr den Blog auch unter victormancini.de. Da gibt's dann auch Links zu all meinem anderen kreativen Output. Geduld, Geduld, Leute.

Dienstag, 11. März 2025

Es lohnt sich immer

ZERREISSPROBE – Text an der Wand in der Nationalgalerie, Berlin

Die letzten Tage waren schön. Aber auch anstrengend. Zu anstrengend, sodass sich meine Lunge gestern Abend mit Drohgebärden beschwerte. Ich bin leider nicht besonders clever, kann nicht akzeptieren, dass an einem Tag nicht mehr so viel geht wie früher. Die Quitting kam, als ich mit Atemnot und brennenden Bronchien auf der Couch lag. Ich hatte solche Angst, dass ich ein paar Zeilen hinterließ, ehe ich schlafen ging, weil ich nicht mehr damit rechnete aufzuwachen. Heute morgen war es dann wieder ein wenig besser, aber noch lange nicht wieder gut. Ich kam mir lächerlich vor, als ich die Zeilen las, die ich geschrieben hatte. Wie ein Kind, das sich unnötig vor der Dunkelheit fürchtet.

Sonntag, 9. März 2025

LITERATUR ist mir geblieben IV: Mayflies

Buchcover von Andrew O'Hagans Mayflies, abfotografiert vor einer Pinnwand mit allerlei Notizen und Kram.

In den letzten Wochen habe ich ein Buch für den Buchclub gelesen, dem ich seit Jahren angehöre. Soweit ich weiß, hat er keinen Namen. Wir sind zu siebt, ich der einzige Mann. Hat mich nie gestört, aber manchmal frage ich mich, ob es sie stört. Keine von ihnen hat mich je spüren lassen, nicht willkommen zu sein. Daher bin ich geblieben.

Freitag, 7. März 2025

Misère et Corsaire

Topf, Flasche Wein und die Medikamente des Autors auf seinem Küchentisch

Ich bin frustriert. Alles nervt. Mein Bauch, meine Haut, mein Leben.

Bauch: Die Methanmelone unter meinem T-Shirt bleibt stur, egal wie viel Lexaf ich kaue. Da keucht und qualmt es wie aus einer verstopften Blubberhookah. So viel zur Fitness. Jahrelang laufen gewesen – für die Katz.

Mittwoch, 5. März 2025

Verzögerte Realität

Wie so oft beginne ich meinen Blog mit gestern. Das ergibt Sinn, weil ich euch von dem erzählen möchte, was mich gerade beschäftigt auf meiner Reise zum Tod. So auch heute wieder. Vielleicht könnt ihr speziell an diesem Eintrag sehen, wie es in mir in Wellen auf und ab geht. Fast wie bipolar. Wenn ich wüsste, wie sich das anfühlt.

Montag, 3. März 2025

Ralf M. und das Erbe der Josefine Mutzenbacher

Ich war dabei, meinen Antrag auf Bürgergeld auszufüllen und die Dokumente zusammenzusuchen. Genervt von der schieren Menge rief ich beim Jobcenter an. Die Nummer hatte man mir am Tag der Identitätsbestimmung gegeben. Durch die Warteschleife landete ich bei Ralf M. Eine Nummer für sich dieser Mitarbeiter. Als ich ihm erklärte, dass ich den Bürgergeldantrag nur ausfülle, um abgelehnt zu werden, um schließlich zur Grundsicherung zu gelangen, tat er so, als wüsste er sofort Bescheid. Dann fragte er trotzdem erstmal nach meinem Geburtsdatum. Damit er verstand, erwähnte ich meinen Lungenkrebs.

Sonntag, 2. März 2025

A Waste of Time

Brief vom Jobcenter an den Autor, der zur Übersendung bestimmter Dokumente aufgefordert wird

Guten Morgen!

Es ist Sonntag und ich bin frustriert. War ich früher auch schon, weil ich mir an diesem Tag immer besonders meiner Einsamkeit bewusst werde. Seit meinem Reset hat sich die Qualität der Einsamkeit jedoch verändert. Wie genau, begreife ich selbst nicht, kann ich nicht erklären. Was ich begreife und erklären kann, ist die gefühlte Zeitverschwendung, die ich jeden Tag empfinde.

Donnerstag, 27. Februar 2025

Rollercoaster, once again

Krokusse blühend zum Frühlingsbeginn auf dem Friedhof hinter dem Haus des Autors.


Mannomann, was für ein Geflenne die letzten Tage. Erst meldet sich E. Merkwürdiges Gefühl nach all den Jahren. Das ist, wie wenn man für eine lange Zeit so ganz tief unten in der Gletscherspalte festhängt und über die Jahre so langsam rausgeklettert ist und so kurz vorm Rand verweilt und nie so richtig rausgucken kann, weil man ihn nicht zu greifen kriegt.

Mittwoch, 26. Februar 2025

Vier Minuten und fünf Sekunden

 

Automat mit allerlei im Café Chaos in Darmstadt, beschriftet mit "KUNDENDIENST" und der Unterzeile "Für alle Fälle"

Mir ist heiß. Ich denke, ich habe Fieber, auch wenn mein Thermometer das nicht wirklich bestätigt. Vielleicht ist es kaputt oder zeigt Mist an, weil ich es nur unter den Arm klemme. In den Arsch stecken finde ich nicht so geil. Also jetzt nicht, weil ich homophob wäre oder so ein Quatsch, aber ich finde die Vorstellung, mir etwas Spitzes Metallisches rektal einzuführen, einfach nicht so prickelnd.

Montag, 24. Februar 2025

Das größte Arschloch von allen

Ich bin wieder zuhause. Mit Besuch von Freunden. Ist schön aber auch anstrengend. Noch keine Ruhe. Ich brauche Platz und Zeit für mich. Muss schreiben, um klaren Kopf zu bewahren.

Die scheiß Bundestagswahlen waren am Sonntag. Haben mich tierisch runtergezogen. Vor allem, weil ich eh nicht wählen darf. Wisst schon, ich Deutschlehrer aber mein Pass sagt immer Italiener. Und ihr wisst, was das in Deutschland heißt.

Samstag, 22. Februar 2025

Fangs of hell


Death is depressing as it is. If you’re surrounded by it, it’s even more depressing. My mom’s right in the middle of it. I’ve never felt a stronger urge to kill someone, anyone. Yes, you’ve guessed right. I’m at my parents. Just for a weekend. One weekend is enough to become a murderer. 

Donnerstag, 20. Februar 2025

Horrorshow

                                             

Blick aus dem Fenster (9. Stock) des OVZ Landsberger Allee, direkt an der S-Bahn-Haltestelle. Auf den Dächern liegt Schnee.Blick aus dem Fenster (9. Stock) des OVZ Landsberger Allee, direkt an der S-Bahn-Haltestelle.

Heute nur ein paar schnelle Worte zu meinem gestrigen Tag, der furchtbare Züge hatte. Wie ihr wisst, sind meine Onkologinnen des Todes nicht besonders einfühlsam. Das liegt einfach in der Natur der Dinge. Sie haben keine Zeit für eine umfangreiche Betreuung. Sie therapieren zwar – sprich, sie erstellen die Diagnose, sind bei der Tumorkonferenz dabei, entscheiden über die Therapieform – aber für alle Fragen zwischendurch, zu Nebenwirkungen oder sonstigem, haben sie keine Zeit.

Mittwoch, 19. Februar 2025

Memento mori

Steinplatte im Foyer der Urania Berlin mit dem eingravierten Zitat: „Mit dem Wissen kommt das Denken, und mit dem Denken der Ernst und die Kraft in die Menge.“ – Alexander von Humboldt, 1841 an Friedrich von Raumer. Quelle: o. A. (1869): Litterarischer Nachlass von Friedrich von Raumer, Berlin 1869, S. 22. Foto aufgenommen während der Berlinale 2025.

Sei dir deiner Sterblichkeit bewusst

Wie oft habe ich in meinem Leben gehört, dass irgendwas ungesund ist oder krebserregend. Pah! Lächerlich. Wer glaubt, dass falsches Essen, Mikroplastik oder das Handy am Ohr einen umbringt, hat keine anderen Sorgen im Leben. Ob der Krebs euch erwischt oder nicht – das zu kontrollieren, steht nicht in eurer Macht. Der sucht sich seine Opfer selbst. Höchstwahrscheinlich schlummert er in eurer DNA, checkt mal die Familienhistorie.

Montag, 17. Februar 2025

Nachtgedanken III oder was Kortison mit mir macht

Fensterscheibe im Dunkeln, von hinten beleuchtet. Sichtbar: Fingerabdrücke, Eiskristalle, Schlieren.

Es ist 5:26 und ich kann mal wieder nicht mehr schlafen. Ich dachte, damit wäre Schluss. Seit gestern nehme ich kein Kortison mehr. Das ist der größte medikamentöse Einschnitt seit Wochen. Kein Medikament hat meinen Körper so durcheinandergebracht wie dieses. Er spielt völlig verrückt wegen der Veränderung. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie heftig dieses Zeug langfristig ist. In beide Richtungen: wenn man anfängt, das Medikament zu nehmen und wenn man es wieder absetzt.

Sonntag, 16. Februar 2025

Realitätscheck

Berlinale 2025 im Delphi Filmpalast: Auf der Bühne das Filmteam von FWENDS

Ein Samstag in meinem aktuellen Leben. Produktiv und gelungen, würde ich sagen. 

Ich bin sofort hellwach. So geht es mir seitdem Reset. Kein Matsch am Morgen. Ich sehe aus dem Fenster. Es ist noch dunkel. Im Haus gegenüber brennt in zwei Wohnungen Licht. Ich trinke Fencheltee, um die Darmflora bei Laune zu halten - so viel zum Punkrock von heute! - und schreibe den Eintrag zum Valentinstag.

Samstag, 15. Februar 2025

Sankt-Valentins-Krankheit

Blumenvase mit Schnittblumen auf Victors Wohnzimmerfensterbank. Draußen Schnee auf den Straßen.

Ich hasse Valentinstag. Hab ich schon immer, lange vor meinem RESET. Falls ich’s noch nicht erwähnt habe – so nenne ich den Tag seit meiner Diagnose. 

Valentinstag ist mir ein Graus. Viele denken jetzt wahrscheinlich, das liegt daran, dass ich Liebende verabscheue, weil ich nicht zum Club gehöre. Und ja, damit haben sie sogar recht. Nicht, dass ich nie in Beziehungen gelebt hätte.

Donnerstag, 13. Februar 2025

Brimborium

Blick aus Victors Schlafzimmerfenster im Winter. Draußen ein verschneiter Wohnblock.

Es schneit. Wenigstens das. Ausblick aus meinem Schlafzimmerfenster.

Ich wünschte, ich wäre gut drauf. Bin ich aber nicht. Klar, könnte man sagen: „Na logisch, der ist ja auch sterbenskrank. Wie soll der gut drauf sein?“ Aber so einfach ist das nicht. Ich hab auch gute Momente, schöne Phasen, die ich genieße. Mit S. im Kino, Koreanisches BBQ mit A. – das sind Erlebnisse, die bleiben. Ein Mensch kann nicht durchgehend scheiße drauf sein. Genauso wenig wie durchgehend gut.

Dienstag, 11. Februar 2025

Auch der Tod hat eine klare Hierarchie

Nahaufnahme einer Türklinke an einer Toilettentür.


Achtung, jetzt wird’s eklig. Ich finde Rotze, Schleim, Scheiße, Blut, Gedärme und Eiter nicht besonders widerlich. Die gehören zum Leben. Bürokratie nicht. Die finde ich abstoßend. Viel abstoßender als alles, was ein Körper ausscheiden kann.

Mein Freund P. sagt, Bürokratie sei nicht mein Feind. Sie existiere, um Korruption zu verhindern. Mag sein. Aber sie entmenschlicht, wie auch die Ordnung.

Montag, 10. Februar 2025

Filmglücklich! – The Outrun

Porträt der Schauspielerin Saoirse Ronan in The Outrun – sie steht am Meer, ihre orangefarbenen Haare wehen im Wind.Szenenbild aus The Outrun: Saoirse Ronan als junge Frau am windigen Küstenrand. © Protagonist Pictures / The Outrun (2024)

Ich unternehme Dinge. Fast so wie früher. Gestern war ich im Kino. Ein filmischer Orgasmus.

Der Psychologe ist sich mit mir einig, dass ich dies brauche, um Kontrolle über mein Leben zurückzubekommen. Mich nicht zuhause einsperren und Trübsal zu blasen, sondern zu machen. Dinge des Alltags erledigen: einkaufen, kochen, Klamotten waschen, die Wohnung putzen. Sport treiben, Rad fahren, Bücher in der Bibliothek ausleihen, lesen.

Sonntag, 9. Februar 2025

Mit anderen Augen

Eingang zur U-Bahnstation Wittenbergplatz

Ich war mit einer Freundin spazieren. Im Westen der Stadt. Immer wenn ich im Westen bin, in diesem Fall in Schöneberg und Charlottenburg, fühle ich mich wohl. Ich weiß nicht, warum. Ich lebe nunmehr seit sechzehn Jahren in Berlin und alle davon in Friedrichshain. Und das finde ich schade, denn der Osten ist dröge und langweilt mich. Er ist natürlich viel weniger schnöselig, was für jemanden wie mich, der sein Leben lang immer gegen das hierarchische Klassendenken gewettert hat, der einzige Ort ist, an dem ich leben kann, ohne meine eigenen Ideale zu verraten.

Freitag, 7. Februar 2025

Die unrunde Runde

Runde Toilettenspülung - sinnbildlich für die Runde der Selbsthilfegruppe Lungenkrebs

Gestern war ich bei der ersten Selbsthilfegruppensitzung meines Lebens. Vielleicht auch meiner letzten. Ich merkte sofort: meine Vorstellung von Selbsthilfegruppen war durch und durch verklärt. Ich habe einfach zu viele amerikanische Filme und Serien gesehen, denke ich. Ich hatte das Bild von im Kreis sitzenden Leuten vor Augen, die sich das Herz ausschütten, egal weswegen. Ob wegen Alkoholsucht, Aggressionsbewältigung oder multipler Sklerose für Familienangehörige – ich dachte, man erzählt seine Geschichte, bekommt Mitgefühl, Verständnis – und im besten Fall einen brauchbaren Tipp. Oder wenigstens ein bisschen Solidarität für den Heimweg. 

Mittwoch, 5. Februar 2025

LITERATUR ist mir geblieben III: Das Buch überhaupt

Schreibblock und Stift des Autors

Und täglich grüßt das Murmeltier… 4:32 Uhr war mir dann doch zu früh. Also habe ich mich anderthalb Stunden gewälzt und gewälzt. Soll ja auch was bringen. Also das im Bett-liegen-bleiben. Besser liegen und ruhen als aufstehen und stressen. Nur stresst das Kopfkino dann halt. Immer wieder im Kreis drehen, dieselben Fragen. Ich würde ja auch gerne planen, Pläne für die Zukunft machen, so wie andere. Aber das hat jetzt ne ganz andere Qualität bekommen.

Dienstag, 4. Februar 2025

Nachtgedanken II oder was Insomnia mit meinem Gehirn macht

Große Wanduhr im Café vom KINDL Zentrum für zeitgenössische Kunst

Ich denke, ich war in meinem früheren Leben eine wissenschaftliche Maus. Also im Tierreich, vor einigen Tausend Jahren. Im 21. Jahrhundert vor der Mausrechnung schuf ich im Labor von Knäckewood ein Lebenselixir, mit dem die gesamte Mausbevölkerung vor der Krankheit namens Qualle gerettet wurde.

Kunstkonsum

Victor Mancini vor einem alten Braukessel im Café des KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst

Ich gehe wieder unter Menschen. Am Donnerstag Pizza mit Freunden bei Spaccanapoli. Ich war auch in der AGB, habe ein Buch ausgeliehen, bin durchs Kaufhaus gestreift – trotz der Ansteckungsgefahr in überfüllten Räumen. Fahrradfahren. Sonnenlicht im Gesicht. Wie lange habe ich das nicht mehr gemacht? Autonomie und Freiheit. Und der Wind, der mir ins Gesicht weht. Herrlich! Seht aus dem Fenster – die Sonne scheint. Schnappt euch das Fahrrad und dreht eine Runde! 

Sonntag, 2. Februar 2025

Licht am Ende des Tunnels


Dunkel mit Licht am Ausgang - das Innere eines Bierbraukessels


Die Sonne geht allmählich auf 
Sitze schon lange da und sehe ihr dabei zu 
Alles ist sinnlos, wozu? 
Ich weiß nichts mit mir anzufangen 
Alles ist anstrengend, selbst das Sitzen 

Samstag, 1. Februar 2025

Constrictor

Foto von Ameke sanfte Säfte - Pink Grapefruit
Sonntagsgedanken

Ich wache mit einem komischen Druckgefühl in der linken Brust auf und denke sofort, dass was nicht in Ordnung ist. Vielleicht ist es das auch nicht. Wer weiß? Bin ja kein Arzt. Bekomm’ es auch nicht raus, selbst wenn ich wollte. Wie denn? Das ist die Ungewissheit eines zum Tode Verurteilten. So geht’s mir jeden Tag. Was soll ich machen? Die Macht über mein Leben liegt nicht mehr in meiner Hand. 

Freitag, 31. Januar 2025

Frankenstein, Freud und übernatürliche Weltenlenker

Vater des Autors beim Essen im Krankenhaus nach Hirn-OP

Dass ich an keine übernatürlichen Weltenlenker glaube, habe ich bereits zur Genüge etabliert. Dass ich kein großer Fan der Medizin bin, hatte ich auch bereits erwähnt. Letzteres möchte ich revidieren oder vielmehr präzisieren. Es geht mir speziell um die zwischenmenschliche Komponente bei Ärzt:innen, die mir meist fehlt. Als würde der Selbstschutz die Empathiefähigkeit intrinsisch ausschließen. Vielleicht ist es auch so. Ich weiß es nicht. Bin weder Psychologe noch Soziologe.

Reborn


Der Autor mit Regenschirm im Jahr 2005 
(Victor Mancini, Australien, 2005)

Ich hack jetzt hier alles einfach so rein, wie es mir in den Kopf kommt. Ich hatte heute eine Art Offenbarung. Ich kann nicht verstehen, was passiert ist. Aber die Nachricht in der Klinik hat mich umgehauen. Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich sterben werde, immer noch offiziell bei 100%. Da geht kein Weg dran vorbei. Aber man hat mir heute gesagt, dass man in der Onkologie normalerweise immer von folgender Faustregel ausgegangen ist: innerhalb von einem Jahr ist der Patient mit Lungenkrebs tot. 

© Vic Mancini on Death Row
Maira Gall